Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Brücken bauen zwischen drinnen und draußen

 

Brücken bauen zwischen drinnen und draußen

Die JVA Heinsberg ist auf der Suche nach Ehrenamtlichen Betreuern für die jugendlichen Häftlinge. Viele haben keinerlei soziale Bindung mehr zur Welt außerhalb der Gefängnismauern. "Einfach da sein, ohne Erwartung".
Blick durch die Gitterstäbe Ein trostloser Blick durch die Gitterstäbe: viele junge Strafgefangene haben keinerlei soziales Bindung mehr zur Außenwelt.

© Heinsberger Zeitung vom 24. September 2008
von Redakteur Rainer Herwartz

Heinsberg. Egal ob in karitativen Einrichtungen, kirchlichen Institutionen oder Vereinen – ohne den unentgeltlichen Einsatz von Ehrenamtlern wäre vieles nicht zu bewerkstelligen. Dass dies seit rund drei Jahrzehnten auch für den Strafvollzug gilt, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Kein Wunder, spielt sich das Engagement der freiwilligen Helfer hier doch meistens hinter meterhohen Mauern ab. "Seit 1978 haben wir schon Ehrenamtliche Betreuer, die für uns tätig sind", erzählt Willi Kroh, stellvertretender Leiter der JVA Heinsberg. Registriert seien 42 Personen, doch aktiv leider nur noch rund 15. Im Hinblick auf die baldige Expansion und Verdoppelung der Insassenzahl reiche dies jedoch nicht aus.

Sozialer Antrieb

Die studierte Betriebswirtin Sabine Becker ist schon seit 20 Jahren dabei. "Ich habe bei einem Rockkonzert durch einen der Patres von Haus Overbach von der Möglichkeit gehört, sich hier im Jugendstrafvollzug zu engagieren." Das sei nicht außergewöhnlich, erklärt Anstaltsseelsorger Friedel Beiten. "Die Ersten kamen aus christlicher Motivation und wurden von der Geistlichkeit geworben. Autonome kamen eher selten." Für Sabine Becker war es jedoch nach eigener Aussage eher die soziale als die christliche Motivation, die sie zur Betreuung junger Strafgefangener antrieb.


"Um pädagogische Selbstversuche zu machen, ist man hier falsch."
Willi Kroh
stellv. Leiter JVA Heinsberg


"Es war mir einfach wichtig, eine Brücke zu bauen zwischen drinnen und draußen. Und mit 19 hatte ich noch keine Lust aufs Altenheim." Eigentlich, so ergänzt, Willi Kroh, sollten Interessenten aber mindestens 21 Jahre alt sein, gestandene Persönlichkeiten, soziale Kompetenz besitzen, ohne Vorurteile und in der Lage, "ein vernünftiges Verhältnis von Nähe und Distanz aufzubauen."

Die Ehrenamtler arbeiten in sogenannten Kontaktgruppen, die sich alle zwei Wochen treffen. Eine Gruppe besteht dann aus etwa zwei bis drei Betreuern und vier bis fünf Straftätern. Ein festes Programm für die Treffen gibt es nicht. Die Gruppenmitglieder entscheiden gemeinsam, wie die Zeit verbracht wird. Neben Gesprächen sind auch Aktivitäten wie Basteln oder Kochen möglich. "In erster Linie ist die Kontaktgruppe zwar eine Gesprächsgruppe", sagt Sabine Becker, "aber es werden auch Geburtstage gefeiert, Bewerbungen für die Zeit nach der Haft geschrieben oder wir gehen zum Kegeln ins Jugendzentrum." Dabei sei bedeutend, dass die Ehrenamtler neutrale Personen seien und nicht demm System JVA angehörten. "Die Häftlinge können sich dann auch schon mal über einen Bediensteten beklagen. Es ist uns wichtig, Vertrauen aufzubauen. Am Anfang haben ja alle Mauern um sich herum."

„Dicke Bretter bohren“

Friedel Beiten warnt in diesem Zusammenhang vor allzu großen Erwartungen, wenn sich jemand dafür entscheide, als ehrenamtlicher Betreuer im Jugendknast zu arbeiten. "Manche kommen hier her und glauben, sie könnten die jungen Leute zu besseren Menschen bekehren, aber die werden durch die Realität auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt." Die Arbeit mit den jungen Menschen sei wie "dicke Bretter bohren", ergänzt Willli Kroh. "Einfach da sein, ohne Erwartungen ist das, was beiden wirklich etwas bringt. Das Bewegt in den Jungs mehr als der Anspruch, der in sich getragen wird“, meint der Seelsorger. „Um pädagogische Selbstversuche zu machen, ist man hier falsch", lässt Willi Kroh keinen Zweifel. "Und wenn sich jemand entscheidet, als Betreuer einzusteigen, muss er auch zuverlässig sein und das Ehrenamt kontinuierlich und verbindlich ausüben", unterstreicht Sabine Becker.

Die meisten jungen Straftäter, die sich bei Friedel Beiten auf der Warteliste für eine Kontaktgruppe befinden, haben keinerlei soziale Bindung mehr zur Welt außerhalb der Gefängnismauern. In den Kontaktgruppen lernten sie zum Beispiel ohne erhobenen Zeigefinger, nur am Beispiel, das der Betreuer durch sich selbst gebe, wie ein gesunder und vernünftiger Umgang miteinander möglich ist oder welches Verhalten und Handeln in unterschiedlichen Situationen Sinn macht. "Bei einem Jugendlichen gibt es oft noch eine Türe, durch die man einen Zugang finden kann", weiß Willi Kroh, "bei erwachsenen Gefangenen gelingt das meist nicht mehr."

Sabine Becker hat noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, wie sie sagt. "Es ist gut, dass ich von Leuten höre, dass sie auch nach Jahren noch draußen und nicht mehr eingefahren sind", verbucht sie als befriedigendes Erfolgserlebnis. "Es gibt ehemalige Häftlinge, die zu mir schon seit Jahren Kontakt halten und jetzt fest im Leben stehen."


Anstaltsseelsorger Friedel Beiten, ehrenamtliche Betreuerin Sabine Becker und Willi Kroh, stellvertretender JVA-Leiter Anstaltsseelsorger Friedel Beiten (rechts), die ehrenamtliche Betreuerin Sabine Becker und Willi Kroh, stellvertretender JVA-Leiter, würden sich über weitere Ehrenämtler freuen.

Fragen zum Ehrenamt in der JVA:
Wer sich für eine Tätigkeit als Ehrenamtlicher Betreuer in der JVA Heinsberg interessiert, kann sich über formale Gegebenheiten bei
Willi Kroh unter
Tel.: 02452 921-102
oder per e-mail:
willi.kroh@jva-heinsberg.nrw.de
informieren.

Anstaltsseelsorger Friedel Beiten steht unter
Tel.: 02452 63993
oder e-mail:
friedel.beiten@jva-heinsberg.nrw.de
für inhaltliche Fragen zur Verfügung.


Knast Kunst Kalender Knast Kunst Kalender 2009

Lichtfünkchen gegen schlechtes Image

Diese neue Ausgabe des Knast-Kunst-Kalenders enthält wieder Bildbeiträge von Gefangenen im Raum des Bistums Aachen. Die bekannte Künstler Georg Ettl hat das Titelbild geschaffen. "Nach wie vor liegt der Gefängnisseelsorge sehr daran, dass dem Negativ-Image von Gefangenen ein bescheidenes, aber wirksames Lichtfünkchen entgegengehalten wird", meint Anstaltsseelsorger Friedel Beiten. "Dieser Kalender ist ein aus der Gefängnisrealität geborener Beitrag dazu." Er ist im Freiwilligenzentrum in Heinsberg, Hochstraße 24, montags, dienstags und freitags von 9 bis 12 Uhr und dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr zu erwerben.

 

 

 



 

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