Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Leben in der gesellschaftlichen "Intensivstation"

 

Leben in der gesellschaftlichen "Intensivstation"

Ein neues Landesgesetz regelt das Recht auf Einzelunterbringung jugendlicher Gefangener. Die JVA Heinsberg wird für 50 Millionen Euro erweitert.
Junger Strafgefangener in der Einzelunterbringung Das Recht auf Ruhe: Seit dem 1. Januar hat jeder jugendliche Gefangene Anspruch auf Einzelunterbringung. Einige Häftlinge der Heinsberger Anstalt wurden deswegen nach Siegburg verlegt.


© Heinsberger Zeitung vom 22. Januar 2008

Von Redaktionsmitglied Christian Rein

HEINSBERG. Zelle 405, Justizvollzugsanstalt Heinsberg, Jugendhaft. Der 15-Jährige, der auf den zehn Quadratmetern seine Strafe absitzt – wir nennen ihn Marcel – hat Leute "abgezogen". Er hat sie bedroht, geschlagen, getreten und beraubt. Und das nicht nur einmal. Denn wer hierher kommt, der war nicht zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt. Marcel ist einer der Jugendlichen, über die es derzeit großes politisches Geschrei gibt. Von denen die einen sagen, dass man sie noch länger wegsperren muss, noch härter bestrafen und die anderen, dass das Wegsperren und Bestrafen alleine solche Jugendliche auch nicht wieder zurückbringt in die Gesellschaft.

Die Häftlinge in der JVA Heinsberg sind zwischen 14 und 24 Jahren alt, die meisten zwischen 16 und 20. Sie haben Drogendelikte begangen, Einbruch, Diebstahl und Raub. Nur wenige haben Schlimmeres wie Mord, Totschlag oder Sexualdelikte begangen. Die Haft beträgt im Schnitt acht bis zwölf Monate.

Das Heinsberger Jugendgefängnis ist eines von fünf in Nordrhein-Westfalen. Wie alle befindet es sich im Umbruch.

Draußen, auf der anderen Seite der dicken hohen Betonmauer, wühlen sich die Bagger durch Schutt und Erdreich. Die JVA wird sich vergrößern. Bis 2011 sollen aus den heute rund 250 Haftplätzen mehr als 500 werden. Dann wird in Heinsberg die größte Jugendstrafanstalt des Landes stehen. In einem ersten Bauschritt entstehen zwei neue Häuser mit 160 Plätzen für Untersuchungshäftlinge und mehr als 100 für einsitzende Straftäter. Im zweiten Schritt werden zwei Werkhallen mit 7000 Quadratmetern Grundfläche gebaut. Im letzten Schritt folgt ein neuer Verwaltungs- und Besuchstrakt.

Insgesamt soll die Erweiterung über 50 Millionen Euro kosten. Doch um das Areal überhaupt bebauen zu können, müssen zunächst die ehemaligen Dienstwohnungen der Vollzugsbeamten weichen, deren Skelette bereits in den Himmel ragen.

Ein anderer Teil der Zukunft ist längst da. Er heißt Umbau des Jugendstrafvollzugs in Nordrhein-Westfalen. Seit dem 1. Januar gilt dafür erstmals ein eigenes Landesgesetz. Und es ist – anders als man vermuten könnte – kein Ad-hoc-Gesetz, mit dem die Politik panikartig auf einen akuten Fall reagiert. Das Gesetz ist keine Folge der erschütternden Ereignisse in der JVA Siegburg, wo ein Häftling im November 2006 von drei Mitgefangenen gequält, missbrauch und anschließend getötet wurde. Und es ist erst recht keine Folge der aktuellen Debatte um Jugendgewalt. Und doch hat es damit zu tun.

Rechtsanspruch auf Einzelbelegung während der Ruhezeiten, offener Vollzug für junge Gefangene, denen weder Flucht noch Missbrauchsgefahr attestiert wird, Anspruch auf schulische und berufliche Bildung, Ausweitung der Besuchsregelungen und Freizeitangebote und schließlich Arbeits- oder Taschengeld für die Häftlinge. Das sind einige Eckpunkte des Gesetzes aus dem Hause von Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU).

"Die Justizministerin hat sich den Jugendstrafvollzug seit Beginn ihrer Amtszeit 2005 auf die Fahnen geschrieben", sagt Ingrid Lambertz anerkennend. Die Heinsberger Anstaltsleiterin betont, dass die Ausrichtung des Gesetzes genau die richtige ist: pädagogisch und mit einer noch strikteren Trennung des Erwachsenen- vom Jugendstrafvollzug, etwa was die Untersuchungshaft anbelangt. Zudem sagt Lambertz, sei es ein gutes Gesetz, weil es zusammen mit "der Praxis" ausgearbeitet worden sei. Eine Herausforderung ist es zumindest in Heinsberg allerdings nicht. Die jetzt festgeschriebenen Punkte sind hier fast alle schon längst Alltag.

Klare Anforderungen

Bildung und Erziehung gehören im 30-jährigen Bestehen der Anstalt zum Beispiel schon immer dazu. Es gibt eine Schul- und Ausbildungspflicht. Für die entsprechenden Angebote kooperiert die JVA Heinsberg mit dem Berufskolleg Geilenkirchen, dem Kolpingwerk und der VHS. Die Anstalt hat eigene Diplompädagogen, die sich um strukturierte Freizeitangebote kümmern, Übungsleiter für den Sport und einen psychologischen Dienst.

In Watte gepackt wird hier trotzdem niemand. Es werden klare Anforderungen gestellt, klare Grenzen gesetzt und es wird konsequent durchgegriffen. Die Häftlinge müssen mitarbeiten, etwa putzen und bei Grünarbeiten helfen. Sie sollen erkennen, dass sie für die Aufrechterhaltung ihres Lebensraumes selbst verantwortlich sind. "Viele erfahren hier zum ersten Mal einen strukturierten Alltag", sagt der stellvertretende Anstaltsleiter Willi Kroh.

Das ganze passiert nach dem Prinzip "Fördern und Fordern". Wer mitspielt und an sich arbeitet, kann davon profitieren und innerhalb der drei Arreststufen aufsteigen. Wer nicht mitspielt, sich nicht an die Regeln hält oder im Extremfall gewalttätig wird, spürt die harte Seite.

Bildung, Ausbildung, Erziehung. Für die aktuelle Debatte um eine Verschärfung des Jugendstrafrechts hat Kroh angesichts dessen nur Verachtung übrig: "Wir haben keinen Mangel an Abschreckung", sagt er. "Wir haben einen Mangel an sozialer, schulischer und beruflicher Kompetenz." Im Prinzip sei eine Justizvollzugsanstalt deshalb so etwas wie eine "Intensivstation" der Gesellschaft. "Hier kommen diejenigen hin, an denen sich schon etliche – Schule, Heime, das Jugendamt – versucht haben und gescheitert sind. Und wir müssen sie wieder in die Gesellschaft zurückbringen." Wegsperren? Bestrafen? "So geht das nicht", sagt Kroh.

Was in Heinsberg noch fehlt, ist eine Aussage über die künftige Personalstärke. Derzeit hat die JVA insgesamt rund 200 Bedienstete. "Wir verhandeln mit dem Ministerium", sagt Ingrid Lambertz. Aber sie ist zuversichtlich, dass sich die Zahl ihrer Mitarbeiter nach der künftigen Größenordnung der Anstalt und ihrem neuen, alten Auftrag ausrichten wird. Freilich koste Personal Geld. "Aber so ist das nun mal, wenn man den Jugendvollzug vernünftig machen und erzieherisch gestalten will", sagt Willi Kroh.


Anstaltsleiterin vor den Erweiterungsarbeiten Im Jahr 2011 soll in Heinsberg die größte Jugendstrafanstalt des Landes stehen: Anstaltsleiterin Ingrid Lambertz vor den Erweiterungsarbeiten.

Kahle Wände
Zurück in der Zelle. Marcel hat jetzt, nach dem Mittagessen, Freizeit. Etwas zumindest, bevor es weitergeht. Am Vormittag war er im Unterricht. Das Lernen fällt ihm nicht leicht, auch wenn sie nur zu siebt sind. Draußen sei er Sonderschüler, sagt Marcel etwas verlegen. Freizeit. Er blickt auf die kahlen Wände seiner Zelle. Fünf Monate muss er noch im Knast bleiben. Vielleicht. Denn dann kommt das nächste Verfahren, wie er zögerlich sagt. "Ich weiß nicht, ob da noch was nachkommt."

Justizministerin zieht positive Zwischenbilanz

  • Nach der Einführung eines eigenen Gesetzes für den Jugendstrafvollzug zieht die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter eine positive Zwischenbilanz. Demnach gibt es in den fünf nordrhein-westfälischen Jugendgefängnissen keine Überbelegung von Zellen mehr.

  • Bis auf wenige Ausnahmen gehörten seit dem 01. Januar sogenannte Notgemeinschaften in Haftanstalten der Vergangenheit an, sagte die Ministerin dem Rechtsausschuss des Landtags. Noch vor Weihnachten seien fast 100 Jugendliche aus den Jugendgefängnissen in Heinsberg, Herford und Iserlohn nach Siegburg verlegt worden. Im Gegenzug seien mehr als 170 erwachsene Gefangene aus Siegburg in andere Anstalten verlegt worden.

  • Damit seien die Forderungen des seit dem 1. Januar geltenden Gesetzes erfüllt, sagte die Ministerin. Nach dem neuen Recht hat jeder jugendliche Gefangene unter anderem einen Anspruch auf Einzelunterbringung während der Ruhezeiten. (dpa)



 

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