Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Thesen Kolpings heute noch brandaktuell

 

Thesen Kolpings heute noch brandaktuell

Berufsbildungszentrum in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg betreut Häftlinge im Geiste des Sozialreformers, der vor 200 Jahren geboren wurde.
Gefangene der Metallausbildung zeigten einen Einblick in ihre praktische Arbeit. Häftlinge der JVA Heinsberg zeigten an unterschiedlichen Ständen, welche Bildungschancen sie haben, und gaben an einigen Ständen sogar einen direkten Einblick in ihre praktische Arbeit.

©  Heinsberger Zeitung vom 21. Dezember 2013 von Anna Petra Thomas

„Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch.“ Diesen Leitsatz hat vor 150 Jahren der deutsche Sozialreformer Adolph Kolping formuliert. Vor genau 200 Jahren wurde er geboren. Grund genug für das Berufsbildungszentrum (BBZ) in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg, das zum Kolping-Bildungswerk Aachen gehört, diesen runden Geburtstag zu feiern.
Bereits seit 1978 engagiert sich das BBZ in Heinsberg für die berufliche Bildung der Strafgefangenen. Es war das erste seiner Art in der Kolping-Organisation. Mittlerweile seien viele Haftanstalten dem Heinsberger Beispiel gefolgt und Kolping der größte Partner der Justiz in NRW, verkündete BBZ-Leiter Ralf Baumann gar nicht offiziell nur am Rande der Feier, aber nicht minder stolz. Auf der Bühne im Foyer vor der Kapelle der JVA begrüßte er die Gäste der Feier. Die für einen Tag von außen ins Gefängnis gekommen waren, aber auch die Häftlinge, die sich den Besuchern in einer Art kleiner Messe mit ihren Ausbildungsberufen präsentierten.

Jacke gegen Soutane getauscht


Thomas Kreßner bei seinem Vortrag. Jake gegen Soutane getauscht: Thomas Kreßner vom Sozialwerk Jülich schlüpft bei seinem Vortrag in die Rolle Adolph Kolpings.

Arnold Jörres, Präses von Kolping Aachen, erklärte, warum sich der Vorname von Kolping mit „ph“ schreibt. Eigentlich müsste noch ein „e“ hintendran, dann wäre es die richtige französische Schreibweise, denn Kolping sei im Jahre 1813 zu Zeiten der französischen Herrschaft in Kerpen geboren.
„Als ich auf die Welt gekommen bin, waren wir arm“, begann dann Thomas Kreßner, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Vorsitzender des Sozialwerks Jülich und Kolping-Fan, seinen Auftritt als Adolph Kolping. Dazu tauschte er sein Jackett gegen die schwarze Soutane des Pfarrers, der Kolping war. Er erzählte von seinen Anfängen als Schuhmacher, von seinem Traum, Latein zu studieren, Priester zu werden und Menschen in der Not zu helfen. Kreßner sprach aus der Sicht von Kolping in rheinischem Dialekt von der Gründung des ersten Gesellenvereins 1849 in Köln, von weiteren Gesellenheimen und –vereinen, die in der Folgezeit entstanden und die Basis des heutigen Kolpingwerks waren. „Ich bin früh gestorben“, schloss er, „aber ich hoffe, dass ein wenig vom Evangelium die Gesellschaft durchdrungen hat, dass meine Idee praktizierten Christentums nicht stirbt.“ Er sei ein Verehrer von Kolping, weil dieser katholische Kollege seine Kirche im 19. Jahrhundert wachgerüttelt habe, erklärte Kreßner, nachdem er wieder sein Jackett angezogen hatte. „Das Christentum nützt gar nichts, wenn es sich definiert als Singen und Vor-sich-Hinbeten. Es muss handeln.“ Die Kirche dürfte das Evangelium nicht nur vorlesen, sondern müsse es wirklich zu den Menschen bringen und mit ihnen teilen. Auch für sie als Gefangene seien die Verhältnisse schwierig, wandte er sich an die Häftlinge im Publikum. Die berufliche Bildung in der JVA sei ein Schritt in die richtige Richtung, um die eigene Situation zu verbessern.


"Das Christentum nützt gar nichts, wenn es sich definiert als Singen und Vor-sich-Hinbeten. Es muss handeln." Thomas Kreßner, Vorsitzender des Sozialwerkes Jülich



Welche Bildungschancen sie derzeit in der JVA haben, zeigten die Gefangenen an unterschiedlichen Ständen und gaben an einigen sogar einen direkten Einblick in ihre praktische Arbeit. So fertigten sie zur Feier des Tages zum Beispiel Metallchips für Einkaufswagen, in die sie den Schriftzug „200 Jahre Adolph Kolping“ eingravierten.
In den Bereichen Metall und Bau können Gefangene in der JVA derzeit eine vollständige Berufsausbildung abschließen zum Teilezurichter oder Industriemechaniker sowie zum Hochbaufacharbeiter oder Maurer. In anderen Berufsfeldern können sie mehrmonatige, sogenannte Qualifizierungsbausteine absolvieren, die ihnen nach der Haftentlassung auf eine weitere Ausbildung angerechnet werden. Angebote gibt es derzeit in Heinsberg für den Bauten- und Objektbeschichter, im Garten- und Straßenbau, in Lager und Handel, für Bodenleger, in der Hauswirtschaft, im Bereich Hotel und Gaststätte sowie für Schweißer und Gabelstaplerfahrer.
Der Qualifizierung voran geht in der JVA eine individuell begleitete Berufsorientierung. Weitere der mehr als 20 Mitarbeiter des BBZ kümmern sich zudem innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern darum, die Gefangenen aus der Haft heraus schon in ein Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis zu vermitteln und betreuen sie auch nach ihrer Entlassung noch weiter. Die Rückfallquote sei dann am geringsten, wenn die jungen Leute während ihrer Haftzeit eine Bildungsmaßnahme durchlaufen hätten, weiß Baumann aus der Statistik des sogenannten kriminologischen Dienstes. Derzeit seien es mehr als 80 Prozent der Gefangenen die nach ihrer beruflichen Bildung in der JVA auch nach ihrer Entlassung eine Anschlussbeschäftigung finden würden, pflichtet ihm eine Kollegin bei. „Handwerkskammer und IHK kommen zu Prüfungen zu uns, und auch Lehrer des Berufskollegs unterrichten hier vor Ort“, ist Baumann dankbar für die gute Kooperation mit Schulen und Kammern. Er hofft, dass diese auch über 2014 hinaus von ihm und seinem Kolping-Team fortgesetzt werden kann; denn im nächsten Jahr werden die Leistungen des BBZ neu ausgeschrieben. Begeistert sind nicht zuletzt die Gefangenen selbst von den Möglichkeiten, die ihnen während der Haft in Heinsberg geboten werden. So auch Tolga (20), der gerade eine Ausbildung zum Schutzgasschweißer absolviert, oder Silvio (19), der gerade in Straßen- und Gartenbau aktiv ist. „Eigentlich würde ich gerne Schlosser werden“, gesteht er. „Aber ich habe jetzt auch daran Spaß gefunden.“ Für das leibliche Wohl der Gäste hatten die „Kollegen“ der Hauswirtschaft gesorgt. Die für „Logistik und Handel“ zuständigen Gefangenen luden zum Puzzeln ein, und für alle Häftlinge, die ein Blatt mit Fragen zu Adolph Kolping beantworten konnten, gab es schließlich eine bestickte Kappe.



 

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