Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Ein "Vier-Sterne-Knast" für über 580 Insassen

 

Ein "Vier-Sterne-Knast" für über 580 Insassen

Der 1. Spatenstich für den Erweiterungsbau eines geschlossenen Haftbereichs der Justizvollzugsanstalt Heinsberg

© Aachener Nachrichten online vom 19.03.2008

 Von Redakteur Rainer Herwartz


1. Spatenstich für den Erweiterungsbau

Heinsberg. Die Entwicklung, die die Justizvollzugsanstalt Heinsberg (JVA) erleben wird, ist enorm. Dies macht schon eine Zahl deutlich, die Anstaltsleiterin Ingrid Lambertz ganz nebenbei erwähnte. Als die Haftanstalt für jugendliche, männliche Straftäter vor 30 Jahren, am 1. April 1978, eröffnet wurde, hatte der Komplex umgerechnet rund 17 Millionen Euro gekostet.

Der jetzige Erweiterungsbau, zu dem gestern mit Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter der erste Spatenstich erfolgte, wird allein eine Investition von 73,6 Millionen Euro benötigen.

Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb Nordrhein-Westfalen wird dieses geld aufbringen "Die Niederlassung Aachen hat stets mit viel Geduld und Fachlichkeit die Erweiterungspläne immer wieder geändert und ergänzt, und somit in einem mehrjährigen Prozess die Änderungswünsche, die aus unseren Reihen vorgetragen wurden - und das waren nicht wenige - ohne zu murren eingearbeitet", bedankte sich Lambertz.

Als die JVA 1978 ihrer Bestimmung übergeben worden sei, habe sie als die "modernste Jugendstrafanstalt Deutschlands" gegolten. Die vorliegenden Planungen zeigten nun, dass die Bestimmungen des neuen Jugendstrafvollzugsgesetzes Nordrhein-Westfalen dass den Erziehungsauftrag des Jugendvollzuges explizit betone und einfordere, nicht nur wegweisend gefasst seien.

Es besteht auch der ernsthafte politische Wille, den Jugendstrafvollzug durch eine großzügige Förderung in die Lage zu versetzen, die Vorgaben des Gesetzes mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit umzusetzen.

Ganz so ernsthaft wollte Nordrhein-Westfalens Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter ihre Bemerkung wohl nicht verstanden wissen, als sie über ihren Fund im Internet berichtete. Unter http://www.knastnet.de hatten sich dort wohl ehemalige Insassen der JVA Heinsberg über die Qualität der Anstalt so lobend geäußert, dass Müller-Piepenkötter zu dem Schluss kam, dass es sich um eine "Vier-Sterne-Haftanstalt" handeln müsse.

"Gut, dass wir eine derart geschätzte Haftanstalt noch erweitern können." Letztlich gehe es darum, Straffälligen eine Basis für die Zukunft zu geben durch ein Leben nach klaren, strukturierten Abläufen. "Zu unseren Leitlinien zählen das Vorhalten differenzierter Angebote und die zukunftsorientierte Ausgestaltung.

Auf der Grundlage des in einer Behandlungsuntersuchung festgestellten Förderungs- und Erziehungsbedarfs wird ein Vollzugsplan erstellt, in dem zahlreiche Angaben zu Behandlungsmaßnahmen vorgesehen sind, bei denen die schulische und berufliche Aus- und Weiterbildung wohl einen der wichtigsten Kernbereiche darstellen.

Dritte wie etwa die Personensorgeberechtigten, Organisatoren, Behörden oder ehrenamtlich Tätige werden weitestgehend und zukunftsorientiert einbezogen." Auch die in der JVA Heinsberg seit langem praktizierte Unterbringungsform der Wohngruppe sah Müller-Piepenkötter als bedeutsam an.

"Diese sieht unser Jugendstrafvollzugsgesetz ausdrücklich für geeignete Gefangene als vorrangig an, um ein Übungsfeld zum Erlernen von adäquatem Sozialverhalten und Konfliktregelungen zu eröffnen." Ein Gesetz dürfe nicht nur auf dem Papier stehen. Es müsse mit Leben erfüllt werden. "Der heutige Spatenstich ist ein Symbol dafür."

In der Entscheidung, die JVA in Heinsberg auszubauen, sieht Müller-Piepenkötter überdies einen wichtigen Beitrag zur Standortsicherung mit all seinen wirtschaftlichen Aspekten. Ein Gedanke, dem sich Heinsbergs Bürgermeister Josef Offergeld nur anschließen konnte. "Mit dem heutigen ersten Spatenstich der Erweiterung der Justizvollzugsanstalt beginnt eines der größten Bauprojekte in der Stadt Heinsberg. Für die hiesige Bauwirtschaft stellt dies eine Investitionsmaßnahme dar, die für mehrere Jahre zahlreiche Arbeitsplätze schaffen und sichern wird."

Der kooperative Führungsstil der Anstaltsleiterin habe zudem dazu geführt, dass die JVA auch in der Bevölkerung große Akzeptanz besitze, was, wie schon die Justizministerin erwähnte, keineswegs selbstverständlich ist. "Dies können sie bereits der Tatsache entnehmen, dass unmittelbar vor den Toren der JVA nicht nur ein Wohnbaugebiet, sondern auch ein Naherholungsgebiet entsteht, ohne dass die Existenz der Anstalt jemals in negativer Weise thematisiert worden ist."

Auch Willi Paffen, stellvertretender Landrat des Kreises, unterstrich: "Heute ist ein großer Tag für die JVA, die seit ihrem Bestehen immer so etwas wie das Flaggschiff der Jugendstrafanstalten in unserem Bundesland war." Die Erweiterung biete Perspektiven für Häftlinge und Mitarbeiter. Es sei ein "gelungener Versuch, Antworten auf Fragen unserer Zeit zu finden."

Ferdinand Tiggemann, Geschäftsführer des Bau- und Liegenschaftsbetriebes Nordrhein-Westfalen, ergänzte, dass die Arbeiten an JVAs zu den wichtigsten des BLB gehörten. "Rund 500 Millionen Euro sind in den nächsten Jahren zu investieren, was unzählige Arbeitsplätze schafft."

JVA-Erweiterung in Zahlen

Die JVA Heinsberg wird für 73,6 Millionen Euro um 326 Haftplätze auf über 580 erweitert. Sie ist damit die größte Jugendstrafanstalt in Nordrhein-Westfalen. Knapp 18000 m2 Fläche steht nach Fertigstellung Mitte/Ende 2010 zusätzlich zur Verfügung.

Von den neuen Haftplätzen entfallen 160 auf den Vollzug der U-Haft, 142 weitere auf die Strafhaft und 24 Haftplätze sind für den offenen Vollzug bestimmt.

Neben einer neuen Sportanlage werden auch ein Werkstatt- und Garagengebäude sowie zwei Werk- und Ausbildungshallen entstehen. Der Verwaltungs- und Küchentrakt wird zudem vergrößert.



 

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