Neuer Seelsorger in der JVA Rüdiger Hagens (rechts) lauschte den Worten seines neuen Kollegen, Seelsorger Rainer Ostwald (links), bei dessen offizieller Antrittsrede.
Quelle: JVA

© AZ vom 21.10.2018  von Sebastian Riechel


Heinsberg. Rainer Ostwald wurde jetzt offiziell als Geistlicher in Heinsberg vorgestellt. Er unterstützt nun Pfarrer Rüdiger Hagens in der geistlichen Betreuung der jungen Strafgefangenen.

„Das schlimmste hier sind die Mauern“, beschrieb Rainer Ostwald seinen neuen Arbeitsplatz. Sehr ungewöhnlich will man meinen. Normalerweise freuen sich die Menschen, wenn sie gerade frisch einen neuen Job antreten. Dabei darf Rainer Ostwald nicht falsch verstanden werden, auch er freut sich auf seine neue Tätigkeit, aber sie findet eben in einer alles anderen als alltäglichen Umgebung statt. Die Mauern, von denen er spricht, sind Gefängnismauern. Denn seit September ist Ostwald neuer Gefängnisseelsorger in der JVA Heinsberg. Jetzt wurde er offiziell mit einem Einführungsgottesdienst begrüßt. In der kleinen Kapelle mitten auf dem JVA-Gelände wartete schon Pfarrer Rüdiger Hagens und begrüßte jeden Gast persönlich. Auch die Jungs, wie er sie nannte. Denn ein paar Gefangene durften schließlich auch dabei sein, als ihr neuer Seelsorger offiziell vorgestellt wurde. Den ein oder anderen von „draußen“ beschlich wahrscheinlich auf dem Weg durch unendliche Gänge und Sicherheitsschleusen ein Gefühl der Beklommenheit. Als die Türen der Kapelle geschlossen waren, legte sich dies aber rasch. Wie sonst auch lagen Gebetsbücher bereit, Kirchenmusik erklang und ein paar Kerzen brannten. „Da bin ich nun, hier im Knast“, holte Rainer Ostwald zur Begrüßung alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ach ja, der Knast. Manche mochten es schon vergessen haben. Ostwald selbst kommt aus Mönchengladbach und ist seit vielen Jahren für das Bistum Aachen tätig. Er habe schon immer gerne mit jungen Menschen gearbeitet. Dann habe er irgendwann das Jobangebot des Gefängnisseelsorgers angenommen. Erst in Aachen, dann Wuppertal und jetzt Heinsberg. Ein Mann mit Erfahrung also. Aber auch er braucht ab und zu die gewisse Distanz, wenn er an drei Tagen in der Woche als Betriebsseelsorger arbeitet.

„Diese Mauern, die uns gerade umgeben, schützen die Gesellschaft vor den Straftätern“, fuhr er fort. „Aber schützen diese Mauern nicht auch die Straftäter vor dem „Gesehen werden“, fragte er. Aus Sicht der Gefangenen, die in Heinsberg alle ja noch teilweise sehr jung sind, sei die Mauer nicht nur ein Ausschluss von Freunden und Familie, sondern oft auch Schutz gegen die Scham. Und genau da möchte Rainer Ostwald in Zukunft ansetzen. „Seelsorger sind hier die sensiblen Menschen“, so Ostwald. „Ich möchte helfen, die Angst gegen das Gesehen werden zu überwinden und eine Stütze sein, dass die Gefangenen mit der Schuld umgehen können.“ Diese Stütze bestand bisher nur aus Pfarrer Hagens. Umso mehr freute er sich, dass er jetzt endlich Unterstützung erhält. „Knapp 400 Gefangenen werde ich allein keinesfalls gerecht“, so Hagens. Die Entlastung werde er schon deutlich merken. Und auch die fünf jungen Gefangenen, die ganz selbstverständlich mit allen anderen den Gottesdienst gemeinsam feierten, waren angetan. „Endlich nochmal ein anderer zum Reden“, sagte Maki. „Und er interessiert sich für uns, er arbeitet mit uns. Eigentlich könnten wir ihm ja völlig egal sein“, fügte Benjamin hinzu. „Manchmal wollen die Jungs nur eine Zigarette schnorren oder mal telefonieren. Aber manchmal sind es auch tiefgreifende, seelische Konflikte, die sie beschäftigen“, ließ Ostwald die ersten Wochen seiner Arbeit Revue passieren. Aber bei allem Optimismus, 50 Prozent der Jungs hier kämen irgendwann wieder, brachte Ostwald abermals den Boden der Tatsachen zurück. Realismus und Optimismus lagen an diesem Tag erstaunlich nah beieinander. „Und trotzdem: wenn ich nur ein paar Jungs wirklich helfen kann, hat sich meine Arbeit gelohnt.“