40 Jahre JVA Heinsberg Seltener Einblick in die Welt hinter Gittern.
Quelle: JVA

© AZ vom 11.10.2018  von Michael Heckers


Heinsberg. 4500 Besucher kamen zum Tag der offenen Tür in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg. Hinter den hohen Gefängnismauern bot sich den Gästen das Bild einer eigenen Welt. Die Jugendhaftanstalt wurde vor 40 Jahren eröffnet.

Große Werkhallen, ein pädagogisches Zentrum mit Schulklassen, moderne Werkstätten, ein vielfältiges Ausbildungsangebot und ein gepflegtes Sportgelände mit Kunstrasenplatz, Beachvolleyballfeld und Sporthalle – so hatten sich die meisten Besucher die Jugendhaftanstalt von innen nicht vorgestellt. Jugendvollzug ist Erziehungsvollzug und hat das Ziel, jungen Gefangenen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren den Weg zu einem straffreien und verantwortungsbewussten Lebenswandel aufzuzeigen. „Schulische und berufliche Ausbildung zu ermöglichen und Arbeit anzubieten, gehört mit zu den zentralen Aufgaben des Jugendstrafvollzugs“, erklärt Ingrid Lambertz. Sie leitet die JVA Heinsberg mit rund 320 Mitarbeitern seit 19 Jahren. Lambertz: „Wir haben die Aufgabe, die jungen Menschen zu erziehen.“
 
Die Ausbildungs- und Arbeitsmaßnahmen würden heutzutage nicht mehr als Teil der Strafe, sondern als wesentlicher Bestandteil der Erziehung der jungen Gefangenen gesehen, erklärt die Anstaltsleiterin. Ihr Stellvertreter Franz-Josef Bischofs bringt in diesem Zusammenhang die Rückfallquote ins Gespräch. „Es geistern ja Zahlen von bis zu 80 Prozent durch die Medien. Das klingt für mich wenig seriös. Laut einer Studie des kriminologischen Dienstes liegt die Rückfallquote bei ungefähr 35 Prozent“, sagt er. Es sei offenkundig, dass sich ein vielfältiges Schul- und Ausbildungsangebot, wie es die JVA Heinsberg als vergleichsweise große Jugendstrafanstalt vorhalten kann, positiv auf die Rückfallquote auswirke. „Junge Menschen kann man in den allermeisten Fällen noch beeinflussen, darum lohnt es sich, in diesen Bereich zu investieren“, sagt Franz-Josef Bischofs.Die meisten jungen Strafgefangenen holen in der JVA Heinsberg ihren Hauptschulabschluss nach oder lassen sich beispielsweise zum Maurer, Lageristen oder Industriemechaniker ausbilden. „Das pädagogische Konzept unserer Justizvollzugsanstalt verfolgt das Ziel, auf der Basis des Prinzips ,Fordern und Fördern’ ein positives und sozialadäquates Verhalten der Gefangenen zu erzielen“, erklärt Ingrid Lambertz, „und dabei lassen wir nicht locker.“ Die Jugendlichen und Heranwachsenden sollen sich während ihrer Zeit hinter Gittern das Rüstzeug für die Zeit nach der Entlassung holen, damit die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach Verbüßung der Strafe gelingen kann. Die berufliche Aus- und Weiterbildung in den Betrieben der Justizvollzugsanstalt Heinsberg erfolgt durch Angehörige des Werkdienstes sowie durch Mitarbeiter des Kolping Bildungswerkes Aachen. Letztere werden, weil sich die Rahmenbedingungen geändert haben, nun als feste Mitarbeiter in der JVA Heinsberg eingestellt. „40 Jahre lang hat uns das Kolping Bildungswerk Aachen als freier Träger gut begleitet“, sagt Ingrid Lambertz. Für schulische Qualifikationen sind die Pädagogen des Justizvollzuges und das Berufskolleg Geilenkirchen verantwortlich.

Fünf Jugendstrafanstalten gibt es in Nordrhein-Westfalen, die JVA Heinsberg ist mit 566 Plätzen die größte. Zurzeit sind in Heinsberg rund 80 Prozent der Plätze belegt. In ganz Deutschland gibt es mit der JVA Hameln, die allerdings im Gegensatz zur JVA Heinsberg auf mehrere Dependancen verteilt ist, nur eine einzige Jugendstrafanstalt, die größer ist als die Heinsberger. „Die durchschnittliche Verweildauer bei uns liegt bei neun bis zwölf Monaten“, erklärt Ingrid Lambertz. Grundsätzlich dauert die Jugendstraße mindestens sechs Monate und maximal fünf Jahre. Handelt es sich bei der Tat um ein Verbrechen, für das nach dem allgemeinen Strafrecht eine Höchststrafe von mehr als zehn Jahren Freiheitsstrafe angedroht ist, so ist das Höchstmaß zehn Jahre. Wird ein Heranwachsender (18 bis 20 Jahre) eines Mordes schuldig gesprochen, beträgt das Höchstmaß 15 Jahre, wenn dies wegen besonderer Schwere der Schuld erforderlich ist. „Aber das sind absolute Einzelfälle“, sagt Ingrid Lambertz. Wer die JVA Heinsberg am Tag der offenen Tür komplett erkunden wollte, legte bei dem rund zweistündigen Rundgang fast vier Kilometer zurück. Ein Blick in einen Gefangenentransporter mit den schmalen Fenstern war ebenso möglich wie die Besichtigung der Werkhallen und der rund zehn Quadratmeter großen Gefängniszellen.

Die JVA Heinsberg wurde von 1973 bis 1978 erbaut. Als sie 1978 eröffnet wurde, stand sie als neue Einrichtung des Jugendstrafvollzugs in NRW im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Durch eine für Gefängnisse ungewöhnliche Architektur, in Verbindung mit einer modernen Konzeption des Wohngruppenvollzugs als verbindlicher Standard, stieg das Interesse noch. Heinsberg galt als die „modernste Jugendstrafanstalt Deutschlands“. Der Tag der offenen Tür anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Einrichtung mit 4500 Besuchern machte deutlich, dass das Interesse der Öffentlichkeit am Leben jenseits der Gefängnismauern ungebrochen groß ist.