Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Bei Therapiehündin Mila werden harte Kerle weich

 

Bei Therapiehündin Mila werden harte Kerle weich

„tiergestützte Intervention“ in der JVA Heinsberg
Therapiehündin Mila in der JVA Heinsberg Therapiehund Mila hat im Büro von Sandra Cüppers in der JVA Heinsberg einen festen Arbeitsplatz.
Quelle: Kristina Toussaint

© AZ vom 18.12.2017  von Kristina Toussaint

 

Heinsberg. „Gib fünf!“ Mila hebt die Pfote und stupst sie gegen die geöffnete Handfläche ihres Frauchens Sandra Cüppers. Die wiederholt die Übung noch ein paar Mal und gibt der Hündin dann ein Leckerchen. „Sitz“, „Platz“ und „Gib fünf“, über Hindernisse oder auf den Schoß springen – solche Tricks üben auch die jungen Inhaftierten mit Mila ein, die in der JVA Heinsberg in Untersuchungshaft sitzen. „Mila erleichtert mir den Zugang zu den Gefangenen“, sagt Sozialarbeiterin Cüppers. Die Heinsbergerin hat mit ihrem Border-Collie-Mischling Anfang Oktober eine Zusatzausbildung abgeschlossen, die Mila als einen für die „tiergestützte Intervention“ geeigneten Hund qualifiziert. Die beiden bieten nun einmal in der Woche eine Gruppensitzung an.

 

Erfolgserlebnisse. „Es geht bei dieser Art der tiergestützten Intervention insbesondere darum, soziale Kompetenz zu erlangen und zu fördern“, erklärt Cüppers. Vielen Gefangenen fehlten grundlegende Strukturen und die einfachsten Regeln im Sozialverhalten. Um dem Hund über Stimme und Körpersprache klare Signale geben zu können, müssen sehr impulsive oder sogar aggressive Teilnehmer sich eher drosseln, während zurückhaltende Gefangene lernen müssen, sich zu behaupten, aufrecht zu stehen und deutlich zu sprechen. Tun sie das nicht, reagiert Mila nicht. Wenn sie die Hündin aber deutlich und freundlich ansprechen, springt Mila über Hindernisse oder legt sich auf den Schoß. Viele kostet das erst einmal große Überwindung, erzählt Cüppers. Auch, dem Hund anschließend Lob auszusprechen oder sich gegenseitig zu unterstützen, fällt manchen schwer. „Die sind entweder viel zu cool oder eben zu schüchtern.“ Der Fokus auf den Hund lenke aber ein Stück von der eigentlichen Befindlichkeit ab und helfe, sich zu überwinden. Und wenn die Aufgabe gemeinsam mit dem Hund gemeistert wird, ist das ein riesiges Erfolgserlebnis. „Das gibt enorm viel Selbstwertgefühl“, sagt Cüppers. Das erlernte Sozialverhalten soll sich im Anschluss an die Arbeit mit dem Hund dann auch auf den Umgang mit anderen Menschen übertragen – wenn die Gefangenen wieder „draußen“ sind, sollen sie sich also nicht mehr so leicht provozieren lassen, oder in der Lage sein, „nein“ zu sagen, wenn die kriminellen Kumpel anrufen. Mila hilft den meist 18- bis 21- Jährigen in der Untersuchungshaft aber nicht nur, ihr Sozialverhalten anzupassen, sondern kann auch seelische Unterstützung geben – und zum Beispiel den Schrecken der ersten Tage nehmen. Der 21-jährige Sebastian (Name von der Redaktion geändert) wurde vor einigen Wochen in die JVA gebracht. Alleine und isoliert von Freunden und Familie „draußen“ saß er auf dem Bett seines Haftraums. „Ich kenne es gar nicht anders, als mit Hunden zu leben“, sagt Sebastian. Seit er klein war, gab es zu Hause immer einen Hund. Am Abend seines „Zugangs“, als er allein in der Zelle war, kam Sandra Cüppers mit Mila hinein. „Sie hat mir die Aufregung genommen und bringt jetzt Abwechslung in den Alltag“, sagt Sebastian, der inzwischen als Hausarbeiter in der Abteilung arbeitet. „Ich muss meine Distanz wahren – ich kann einen Gefangenen, der traurig ist, nicht einfach so in den Arm nehmen“, sagt Cüppers. Der Hund biete den Gefangenen im „Knast“ meist die einzige Möglichkeit, Körperkontakt und Nähe zu einem anderen Lebewesen aufzunehmen. Sie habe schon oft erlebt, wie plötzlich alle angestauten Emotionen aus den kurz zuvor noch so „harten Kerlen“ herausbrechen, wenn Mila auftaucht. „Mila ist hochsensibel. Sie spürt genau, wann jemand Zuneigung braucht“, sagt Cüppers. Geladene Stimmung oder Aggressionen reduziere sie allein durch ihre Anwesenheit. „Mila ist hier aber nicht als Schmusehund“, betont die Sozialarbeiterin. Zwar trägt der Körperkontakt zur Stabilisierung der Befindlichkeit und des Selbstwertgefühls der Gefangenen bei, Mila leistet aber eben auch Hilfe bei der Arbeit am Sozialverhalten. Dadurch werden das Ankommen und die Integration innerhalb der Untersuchungshaft für die Gefangenen leichter. Um „intervenieren“ zu dürfen, hat Mila mit ihrem Frauchen eine neunmonatige Zusatzausbildung absolviert. Für die vierteilige Prüfung musste Sandra Cüppers unter anderem die Gruppenarbeit, die sie mit Mila in der JVA bereits begonnen hatte, dokumentieren. Abgeschlossen hat das Team die Prüfung mit „sehr gut“.

 

Eindeutiger Effekt. An einem Tag in der Woche kommt die Hündin mit in die JVA und begleitet Cüppers durch einen rund zehnstündigen Tag, besucht gemeinsam mit der Sozialarbeiterin einzelne Gefangene und trainiert mit „ihrer“ Gruppe. Sechs Gefangene versammeln sich dann in Cüppers Büro und setzen sich auf Augenhöhe um Mila herum. In der Untersuchungshaft haben die Gefangenen keine Auflagen, sie nehmen also an sämtlichen Angeboten freiwillig teil. Probleme, ihre Gruppe zu füllen, hat Cüppers trotzdem nicht: „Alle wollen mit Mila arbeiten.“ Die Neuzugänge kommen häufig abends, dann möchte das Team gerne noch da sein, um die Angekommenen zu begrüßen. Mehr als einen Arbeitstag pro Woche möchte Cüppers ihrer Hündin aber nicht zumuten. „Es ist extrem wichtig, dass alle drei Parteien von den Maßnahmen profitieren“, sagt Cüppers. „Die Gefangenen sollen ihr Sozialverhalten verbessern und Stabilität erfahren, der Hund soll Spaß haben und ich möchte in meiner Arbeit mit den Gefangenen weiterkommen.“ Dass Mila gerne zur Arbeit geht, sei ganz eindeutig: wenn Cüppers sie am an der JVA aus dem Auto lässt, kann Mila es kaum erwarten, dass die schweren Eisentüren aufgeschlossen werden und sie in die Mauern darf, aus denen die meisten hinauswollen. Ihre Vermittlerrolle zwischen Gefangenen und Sozialarbeitern beherrscht Mila perfekt – als Sebastian in Cüppers Büro vorbeikommt, begrüßt sie ihn begeistert und springt auf seinen Schoß. Der Gefangene scheint sofort gelöster und zufriedener. Cüppers lächelt: „Mila hat einen ganz eindeutigen Effekt hier.“

 


 

Druckvorschau in neuem Fenster öffnen   zum Seitenanfang gehen