Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Besuch im Jugendgefängnis: Der Alltag eines Mustergefangenen

 

Besuch im Jugendgefängnis: Der Alltag eines Mustergefangenen

Seit zweieinhalb Jahren muss der 22-Jährige Amir eine der Zellen sein Zuhause nennen. Der Besuch begleitet den Alltag des Mustergefangen.
Besuch im Jugendgefängnis: Der Alltag eines Mustergefangenen Der „DfB-Flur“ in der Justizvollzugsanstalt in Heinsberg. Hinter jeder der Türen steckt ein persönliches Schicksal.
Quelle: Leandra Kubiak

© Aachener Zeitung vom 13.07.2017  von Leandra Kubiak

Heinsberg. Roland S. läuft den langen Flur hinunter, in seiner Hand trägt er einen Schlüsselbund. Es ist der erste Gang, den er an diesem Morgen macht. Rechts und links befinden sich dicke Eisentüren. Es ist still. Erst mal deutet nichts darauf hin, hinter welcher der Türen sich nur ein leerer Raum befindet, und hinter welcher jemand in seinem Bett liegt. Roland S. bleibt vor der ersten Türe stehen und dreht den langen Schlüssel mehrmals im Schloss herum. An seiner Handbewegung erkennt man, wie oft er diesen Handgriff schon gemacht hat. Die schwere Türe öffnet sich. „Morgen, alles in Ordnung?“, fragt er. Roland S. ist Justizvollzugsbeamter und arbeitet in der JVA in Heinsberg, dem größten Jugendgefängnis in NRW. Der erste Gang über den Flur am Morgen sei eine Kontrolle, sagt er. „Wir kontrollieren, ob es allen gut geht. Ob alle noch leben.“ Es ist 6 Uhr morgens, draußen wird es langsam hell. In den meisten Zellen ist es jedoch noch dunkel, als der Beamte die Türe öffnet. Viele der jungen Männer in den Zellen sind schon wach. Sie wissen, dass um diese Zeit jemand die Türe öffnen, und nach ihnen sehen wird. Es ist derselbe Ablauf, wie an jedem anderen Tag auch. Neben seinem Schlüssel hält der Beamte weiße Papierzettel in der Hand. Es sind Anträge für diverse Anliegen. Wer seine Wäsche waschen oder einen Anruf machen möchte, kann das schriftlich beantragen – morgens um 6. Amir (Name von der Redaktion geändert) steht etwas verschlafen in seiner Zelle, als sich die Türe öffnet. Seine Zelle liegt ganz am Ende des langen Flurs und ist eine der letzten, die der Justizvollzugsbeamte an diesem Morgen aufschließt. Amir ist 22 und muss die Zelle, die er bewohnt, seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren sein Zuhause nennen. An den Wänden in dem kleinen Raum hängen Poster und Fotos, die ihn mit seinen Freunden zeigen. In einer Ecke steht ein kleines Schuhregal, das mit einigen Turnschuhen gefüllt ist. Er sitzt wegen Einbruchsdiebstahls und Hehlerei, und wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Gemeinsam mit anderen ist er in seiner Heimatstadt mehrfach in Wohnungen eingebrochen, teils erfolglos. Im Prozess wurde er als einer der Köpfe der Gruppe ausgemacht und härter bestraft als die meisten der Mittäter.

 

Arbeitsbeginn um 6.35 Uhr

6.30 Uhr. Die Beamten, die an diesem Morgen auf der Etage Dienst haben, machen eine Durchsage. Um 6.35 Uhr ist Arbeitsbeginn, die Häftlinge sollen sich fertig machen. Auf einer Liste sieht Roland S., wer für welche Schicht eingeteilt ist. Nicht alle Gefangenen beginnen zur selben Uhrzeit mit ihrer Arbeit, außerdem essen einige an ihrer Arbeitsstätte zu Mittag, andere im Gemeinschaftsraum auf ihrer Etage. Wieder werden eine nach der anderen die Zellen aufgeschlossen. Die Gruppe der jungen Häftlinge in Arbeitsschuhen und blauen Hosen setzt sich langsam in Bewegung. Es geht über den Flur, durch ein Treppenhaus, bis raus auf den Hof. Von da aus laufen die jungen Männer in die Werkshallen, in denen sie eingeteilt sind, immer in Begleitung. Über den gesamten Weg verteilt stehen links und rechts Gefängnismitarbeiter – zur Sicherheit. Heute läuft alles ruhig und nach Plan. Das sei jedoch nicht immer so, sagt Roland S., der seinen Beruf schon seit vielen Jahren ausübt. „Es gibt auch schon mal Gerangel. Man weiß eben nie, was einen erwartet.“ Wie es sich anfühlt, im Gefängnis zu sein, sei für jeden, der das nicht kenne, unvorstellbar, meint Amir. „Das zerfrisst einen! Das Schlimmste ist, immer auf die Beamten angewiesen zu sein.“ Wenn er nicht arbeitet oder mit den anderen Gefangenen Freizeit hat, dann lese er, schreibe Tagebuch oder schaue fern, erzählt der 22-Jährige. Was ihm fehle, sei, einfach spontan das tun zu können, worauf er gerade Lust habe. Manche Tage würden verfliegen, andere kämen ihm ewig lang vor. Auch Amir ist einer von denen, die an diesem Morgen früh mit ihrer Arbeit beginnen. Für die meisten geht es in eine der beiden großen Hallen, die auf dem Gelände stehen. Dort werden Fliesen verlegt, Wandteppiche hergestellt und Wände tapeziert. In den meisten Berufen können die Häftlinge hier zwar keine vollständige Berufsausbildung machen, aber bestimmte Module absolvieren. Für jeden Lehrbereich gibt es Meister, die die Häftlinge anlernen. Auch Theorieunterricht gehört zum Programm. Lernen können die Häftlinge auch im Bereich der Metallverarbeitung, der Hauswirtschaft oder in der Gärtnerei der Anstalt, wo in unmittelbarer Nähe der hohen Gefängnismauer und des Stacheldrahtes bunte Blumen gepflanzt werden. Amir konnte einen der begehrteren Jobs ergattern: Er hilft in der Hofkolonne mit. Vorher hat er sich als Fliesenleger versucht, so ganz sein Gebiet war das allerdings nicht. In der Hofkolonne werden mehrmals pro Woche die Müllcontainer geleert, ansonsten steht auf dem Programm, was ebenso anfällt: Rasenmähen, den Hof in Ordnung halten und Ähnliches. Die Hofkolonne sei ein Arbeitsplatz, der meist nur für Häftlinge in Frage komme, die kurz vor ihrer Entlassung stehen, erzählt ein Betreuer. Die Aufgaben verlangen ein gewisses Vertrauen. Gemeinsam mit einem anderen Gefangenen zieht Amir sich zunächst in einen kleinen Aufenthaltsraum zurück, wo der Tag mit Kaffee und einer Zigarette beginnt. Eine bestimmte Aufgabe steht heute nicht auf dem Tagesplan. Ein Frühstück gibt es nicht. Brot bekommen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen schon abends. Wann sie das essen, müssen sie sich selbst einteilen.

 

Eigenes pädagogisches Konzept

In der JVA Heinsberg wird zunächst jeder Häftling gleich behandelt – egal, ob er einen Ladendiebstahl oder einen Mord begangen hat. „Wir haben hier alle Delikte dabei“, sagt Franz-Josef Bischofs, stellvertretender Leiter der JVA. Die Haftstrafen lägen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Um ein positives Verhalten der Inhaftierten zu fördern, hat die Anstalt ein eigenes pädagogisches Konzept entwickelt. „Jeder, der zu uns kommt, wird zunächst neutral eingestuft“, erläutert Bischofs. Neutral, das bedeutet Stufe 2 von dreien. Wer negativ auffällt, fällt auf Stufe 1, wer sich positiv zeigt, kommt hoch auf Stufe 3. Beurteilt werden die Insassen einmal in der Woche. „Das ist – so wie vom Gesetzgeber gefordert – ein erziehender Vollzug“, sagt Bischofs. Amir gehört zu den „Mustergefangenen“, wenn man so will. Er hat Stufe 3 erreicht, darf zum Beispiel private Kleidung tragen, hat einen Fernseher und bekommt jeden zweiten Tag „Aufschluss“, darf seine Zelle also verlassen. In der JVA Heinsberg sind derzeit rund 400 Jugendliche und junge Erwachsene inhaftiert. Die Altersspanne reicht von 14 bis zu 24 Jahren. Die durchschnittliche Dauer der Haft liege bei elf bis zwölf Monaten, sagt Bischofs. Die Jugendlichen hätten im Durchschnitt eine Qualifikation, die der Klasse 7 entspricht. „Wir sehen uns die Leute sehr genau an, und überlegen dann, welche Abschlüsse sie hier machen können.“ Wer noch nicht volljährig ist, für den gilt die Schul- beziehungsweise Berufsschulpflicht. In der JVA können die Jugendlichen einen Hauptschulabschluss machen. Amir ist einer von denen, die eine Zukunftsperspektive gehabt hätten. Bevor er ins Gefängnis kam, lebte er zu Hause bei seinen Eltern und war dabei, sein Fachabitur zu machen. Seine Eltern hätten nichts von seinen kriminellen Aktivitäten gewusst, erzählt er. Es ist ihm wohl gelungen, den Schein des Schülers und des guten Sohnes nach außen aufrecht zu erhalten. „Die anderen dachten, ich wäre der liebe Junge von nebenan“, sagt er. Was er bei den Menschen ausgelöst habe, in deren Wohnungen er eingestiegen ist, sei ihm damals nicht bewusst gewesen. „Wenn wir etwas kaputt gemacht haben, dann dachte ich: ‚Es sind ja nur Gegenstände‘“, sagt er. Dass manche Dinge unwiederbringbar sind, habe er nicht realisiert. „Ich habe die Taten bereut, als ich im Gerichtssaal gesehen habe, wie es den Menschen danach ging. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm für sie ist, und sie sich in ihrer Wohnung zum Beispiel nicht mehr wohl fühlen.“ Als er an die Anfänge seiner Haft denkt, wird er nachdenklich und wirkt zunehmend bedrückt. Es sei ein Schock gewesen, plötzlich ins Gefängnis zu müssen. Seine Eltern seien enttäuscht gewesen. Er habe lange Zeit in Untersuchungshaft gesessen, gerade das erste Jahr sei sehr schwierig gewesen, sagt er. Warum er die Taten begangen hat? Anfangs sei es vor allem wegen des Geldes gewesen. „Irgendwann hat mir das aber auch einen gewissen Kick gegeben“, gibt er zu. Das Gefängnis wird Amir vermutlich schon im Sommer verlassen können. Für mindestens 14 Monate ist er dann auf Bewährung draußen. Wie es danach weitergeht? Er möchte sein Fachabi nachholen, vielleicht studieren. Ob er das Kapitel Gefängnis endgültig abschließen kann, das liegt allein in seiner Hand.



 

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