Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Nicht blauäugig, aber voller Hoffnung

 

Nicht blauäugig, aber voller Hoffnung

Ehrenamtler versuchen, Häftlinge der JVA Heinsberg in der Alltagsbewältigung zu unterstützen. Auch Vorbereitung auf die Freiheit.
Wie Ehrenamtler Hoffnung machen Quelle: Daniel Naupold/dpa

© Aachener Nachrichten vom 02.06.2017

Heinsberg. Auf den ersten Blick verrät nichts, dass sich der kleine Raum, in dem Bruno Geiser seine Arbeit und die der 23 Ehrenamtlichen koordiniert, kein Büro wie jedes andere ist. Die hohen Mauern und der Stacheldraht sind durch die Jalousien kaum erkennbar.

Bruno Geiser, einer von drei Diplompädagogen beim Erziehungswissenschaftlichen Dienst der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg, betreut die aktuell über 400 Insassen. 540 Plätze gibt es insgesamt für männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren im Strafvollzug und der Untersuchungshaft.

Geiser organisiert die sogenannten Kontaktgruppen, bei denen die Ehrenamtler das Gespräch mit Gefangenen suchen, mit ihnen über Sorgen und Probleme sprechen, Monopoly spielen, Nachhilfe in Englisch und Mathe geben oder einfach nur ein offenes Ohr haben. „Von der Übermutter bis zum pensionierten Schulleiter oder dem Mann vom Bau, der mit den Jungs Klaratext redet, ist bei uns alles dabei“, beschreibt Bruno Geiser die Ehrenamtler.

 

Die Einsamkeit lauert
Nachmittags, wenn Schule und berufliche Fortbildungsmaßnahmen absolviert sind, geht es für die Gefangenen zurück in die Einzelzellen, in denen nichts auf die Häftlinge wartet, außer einem Bett, einem Schreibtisch mit Stuhl und einer Toilette. Einige Gefangene können sich mit Fernsehen und Büchern von der lauernden Einsamkeit und ihrem tristen Alltag hinter Gittern ablenken. Trotz der Möglichkeit, vier Stunden im Monat Besuch von Familie und Freunden zu empfangen, ist der Austausch mit den Ehrenamtlern für einige Häftlinge der einzige Kontakt zur Außenwelt. „Manche haben seit Monaten mit keinem Menschen außerhalb der JVA gesprochen, weil niemand sie besuchen kommt“, erklärte Willi Florak, der seit drei Jahren in der JVA eine Kontaktgruppe betreut.

Die Warteliste für diese Gruppen ist lang, denn jeder Ehrenamtler betreut drei bis vier Gefangene. Zusätzliche Helfer zu finden sei nicht einfach. „Das ist nicht jedermanns Sache“, sagt Uschi Schlangen, die seit 15 Jahren in der JVA Heinsberg aktiv ist. Die 63-jährige Bankkauffrau aus Wassenberg erzählt, dass ihre Arbeit häufig auf negative Reaktionen stoße. „Die Leute finden, man solle eher den Opfern helfen als den Tätern“, sagt Schlangen. Dennoch bevorzuge sie die Arbeit mit den Tätern. „Es gibt mir sehr viel, etwas für Menschen zu tun, die am Rande der Gesellschaft stehen, die nicht gewollt sind, die abgestempelt werden“, erklärte sie. Sabine Becker stimmt ihr zu „Wenn die Gesellschaft diese Leute ablehnt, wie kann sie erwarten, dass die Menschen, die ihre verdiente Strafe abgeleistet haben, den Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft finden?“, fragt Becker, die sich als Brückenbauerin zwischen der Welt innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern versteht.

Aber wie schaffen es die Ehrenamtler, unvoreingenommen und offen auf jene Menschen zuzugehen, die andere Menschen verletzt, betrogen, beraubt oder sogar umgebracht haben? „Ich gehe dahin, um mit Menschen zu sprechen, nicht mit Tätern“, stellt Willi Florak klar, „ich habe Respekt vor der Persönlichkeit, ohne die Tat gutzuheißen, denn das sind Menschen, die nicht mit guten Voraussetzungen gesegnet sind und die Unterstützung brauchen“. Sabine Becker, die seit 30 Jahren ehrenamtlich in der JVA Heinsberg tätig ist, stimmt ihm zu. „Es geht um eine Begegnung zwischen Mensch und Mensch auf Augenhöhe. Der Mensch ist mehr als seine schlimmsten Taten. Den Menschen als solchen nehme ich an, aber die Straftat verabscheue ich“, erklärt sie. Die 48-Jährige betreut zusammen mit einer Freundin eine Gruppe, die überwiegend aus Gewalt- und Sexualstraftätern besteht, die Strafen von fünf Jahren oder mehr verbüßen.

Willi Florak, ein 67-jähriger pensionierter Schulleiter aus Waldfeucht-Haaren, ist seit acht Jahren Schöffe am Amtsgericht in Heinsberg und mitverantwortllich für die Urteile, die gegen die jungen Gefangenen ausgesprochen wurden. „Ich kam ins Nachdenken und habe mich gefragt, was wohl aus den verurteilten Leuten wird“, erklärt er seine anfängliche Motivation zum Ehrenamt in der JVA. „Zu 95 Prozent wiederholen sich die Geschichten der Häftlinge. Die Eltern und das soziale Umfeld sind schwierig und chaotisch. Sie haben alle so einen großen Gesprächsbedarf“, sagt Florak. Die Gesprächsthemen in der Kontaktgruppe seien häufig die gleichen: Die Probleme vor der Haft, die Taten und die Situation im Gefängnis.

Ab und zu, so sagt er, würde er den Häftlingen auch mal den „Kopf waschen“ und die Meinung sagen. Aber zu Erfolg führe das nicht immer. „Man sollte als Ehrenamtler nicht so blauäugig sein, zu denken, man könne Menschen ändern. Dennoch habe ich in Einzelfällen die Hoffnung, dass manche Nuancen rüberkommen und sich einige Gedankenmuster ändern“, sagt der pensionierte Schulleiter.

Die Ehrenamtler sind sichtbar vorsichtig, wenn es darum geht, zu formulieren, welche positiven Veränderungen sie sich mit ihrer Arbeit in der JVA für die Häftlinge erhoffen. „Wenn ich den Jungen vermitteln kann, dass sie über ihre Taten nachdenken, dann ist das ein guter Weg dahin, dass sie draußen besser zurecht kommen“, sagt Uschi Schlangen. „Man kann nicht alle retten, aber wenn man einigen hilft, ist viel getan“, fügt sie hinzu.

Auch Sabine Becker hat zu Beginn der Arbeit schnell die Illusionen verloren, sie könnte kriminelle Gefangene läutern und jeden Insassen zu einem rechtschaffenen Bürger bekehren. „Nach einem Jahr hat man nicht mehr das Gefühl, dass man die Welt verändern kann“, sagt sie. „Die Wunschvorstellung ist, den Jugendlichen etwas mit auf den Weg zu geben und dass sei durch uns lernen, wie ein normales Leben aussieht“. Dabei sei es keinesfalls die Norm, dass ein Häftling aufgrund der Gespräche mir Ehrenamtlern beginne, seine Einstellung zu ändern und nach der Haft ein normales Leben zu führen. „Die realistische Vorstellung ist die: Wir verbringen einen gemeinsamen Abend mit den Häftlingen und tauschen uns auch über Dinge aus, die nichts mit dem Knast zu tun haben. mehr nicht“, erläutert Becker weiter. Trotzdem sehe sie einen Sinn in der Arbeit. „Es gibt mehr positive Entwicklungen bei den Gefangen als Rückschläge“, bekräftigt sie und spielt damit darauf an, dass besonders Jugendliche mit kurzen Haftstrafen in manchen Fällen kurz nach der Entlassung wieder in der JVA sitzen – trotz Kontaktgruppe.

Probleme habe es in den Kontaktgruppen noch nie gegeben, versichern die Ehrenamtler. Dennoch: Angst dürfe man vor den Gefangenen nicht haben. „Die merken das sehr schnell. Die sind zwar lieb und nett, aber man muss auf einen respektvollen Umgang bestehen, sonst nutzen Gefangenen die Blauäugigkeit von Ehrenamtlern schnell aus“, sagt Uschi Schlangen.

Regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen bei unabhängigen Trägern, bei denen die Ehrenamtler sich mit den Themen „Umgang mit Straftaten“, „Gesprächsführung“ oder „Nähe und Distanz“ auseinandersetzen, sollen helfen, die Freiwilligen für ihre Arbeit in der JVA zu wappnen, denn sie können selbst entscheiden, ob sie den Häftlingen nach der Entlassung ihre Kontaktdaten geben.


 

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