Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Wenn der Wunsch nach Freiheit verbindet

 

Wenn der Wunsch nach Freiheit verbindet

„Lasst mich ich selbst sein. Anne Franks Lebensgeschichte“: Wanderausstellung für Justizvollzugsanstalten in Heinsberg zu sehen.
Eröffnungsfeier der Ausstellung Anne Frank Zu den Gästen der Eröffnungsveranstaltung gehörten auch Schulleiter, die in die JVA gekommen waren. Ein Strafgefangener, ausgebildeter Guide für die Ausstellung, verlas ein Grußwort aus dem Bundesjustizministerium.
Quelle: © ANNA PETRA THOMAS

© Heinsberger Zeitung vom 27.10.2015

VON ANNA PETRA THOMAS

Heinsberg. „O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen … Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ Dieser Wunsch, den Anne Frank als 15-Jährige in ihr Tagebuch schrieb, hat sich für sie erfüllt in einer neuen Ausstellung über ihr Leben. Trotz ihrer Flucht in die Niederlande hat die junge Jüdin den Holocaust nicht überlebt.

„Last mich ich selbst sein. Anne Franks Lebensgeschichte“ lautet der Titel der Wanderausstellung für Justizvollzugsanstalten (JVA), die das Anne Frank Haus in Amsterdam und das Anne Frank Zentrum in Berlin gemeinsam konzipiert haben. Nach Stationen in Herford und Wuppertal ist sie in dieser Woche in der JVA in Heinsberg zu sehen.

Besonders ist die Präsentation gleich in zweierlei Hinsicht: Durch die Ausstellung begleitet werden die Besucher von Gefängnisinsassen, die zwei Tage lang eigens für ihre Aufgabe geschult worden sind. Darüber hinaus informiert die Ausstellung auf 28 Tafeln nicht allein über das Leben von Anne Frank, sondern fordert den Betrachter zugleich auf, über sein eigenes Ich, seine eigenen Ansichten nachzudenken, vor allem natürlich im Hinblick auf Antisemitismus und Rassismus.

Peter Binzen, der als Diplom-Pädagoge in der JVA arbeitet und Annemarie Hühne, die eigens für die Schulung aus dem Anne Frank Zentrum in Berlin nach Heinsberg gekommen war, zeigten sich kurz vor der Eröffnungsveranstaltung beeindruckt von der Motivation und Engagement der 13 von ihnen ausgebildeten, sogenannten Guides. Binzen hatte die jungen Gefangenen schon vor ihrer eigentlichen Ausbildung gut auf die Thematik vorbereitet. Angefangen habe er mit Informationen über den Nationalsozialismus und die Lebensgeschichte von Anne Frank. „Einige wollten da gleich das ganze Tagebuch lesen“, erzählte Binzen. Zusätzlich habe er sich mit ihnen einen Film über Anne Frank angeschaut.

 „Das Thema interessiert mich, weil ich selbst Sinti bin“, berichtete Guide Angelino aus Duisburg. Sein Urgroßvater habe ihm von seinen Problemen zur Zeit des Nationalsozialismus berichtet. Obwohl er nur noch wenige Tage im Gefängnis verbringen muss, gehört auch Sia (21) aus Düsseldorf zu den Guides. „Hier erfährt man mit den Augen einer Unschuldigen, was damals passiert ist“, würdigte er die Ausstellung. „Sie bringt auf jeden Fall mehr, als gar nichts zu tun.“

Die Aufgaben einer Jugendanstalt seien beidseitig ausgerichtet, erklärte JVA-Leiterin Ingrid Lambertz in ihrer Begrüßung bei der offiziellen Eröffnung. „Wir treten einerseits dafür ein, Integrationschancen für unsere häufig gesellschaftlich ausgegrenzten Jugendlichen und Heranwachsenden zu schaffen. Andererseits wollen wir gleichzeitig zu Toleranz, Gewaltfreiheit und Mitmenschlichkeit erziehen.“ Besonders freue sie sich, dass auch externe Schulklassen die Ausstellung besuchen würden, erklärte sie. Ihr Dank ging an den Gefängnisverein Aachen für die Realisierung der Ausstellung in Heinsberg.

 


Guides im Gespräch mit den Besuchern Die Guides freuten sich sehr über die ersten Besucher in „ihrer“ Ausstellung.
Quelle: © ANNA PETRA THOMAS

Zwei Guides verlasen ein Grußwort von Christian Lange, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesjustizministerium. Auch 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gebe es weiterhin Antisemitismus, zum Beispiel durch die Schändung jüdischer Friedhöfe oder antisemitische Demonstrationen. „Das ist eine Schande für unser Land!“, zitierten sie Lange. Die Ausstellung setze ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus.

Annemarie Hühne dankte Bundes- und Landesjustizministerium für die Finanzierung der Ausstellung. Sie ließ das Leben der Anne Frank noch einmal kurz Revue passieren, bevor das Wort an den Rabbiner Mordechai Bohrer von der Jüdischen Gemeinde in Aachen ging. Um seinen Zuhörern den Wert von Freiheit zu erläutern, erzählte Bohrer die Geschichte eines Soldaten, der bei der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten als Fotograf eingesetzt war. Dieser habe dort einen ausgehungerten Menschen gesehen. „Tränen vor Freude in seinem Gesicht, so sah er mich an“, zitierte der Rabbiner aus dem Bericht des Soldaten. „Doch dann fiel er plötzlich in seinem Lächeln um und war tot.“ Er sei als freier Mensch gestorben, ergänzte Bohrer. „Welch‘ ein wunderbarer Tod muss dies für den Mann gewesen sein, im Gegensatz zu seinen Brüdern und Schwestern, die dort zu Tode gefoltert worden waren.“

Bevor Peter Binzen die Ausstellung schließlich für eröffnet erklärte, spielte noch einmal Julia Weissmann auf ihrer Violine. Sie hatte die Veranstaltung musikalisch begleitet, unter anderem mit einem Violinsolo aus dem Film „Schindlers Liste“.



 

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