Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  JVA Heinsberg: Ex-Fußballprofi vermittelt eine Perspektive

 

JVA Heinsberg: Ex-Fußballprofi vermittelt eine Perspektive

Der Ex-Fußballprofi Jens Nowotny kam zum dritten Mal in die JVA Heinsberg.
Jens Nowotny im Gespräch mit Gefangenen Er weiß, wie man mit Rückschlägen umgeht: Ex-Nationalspieler Jens Nowotny spricht darüber mit Jugendlichen aus der JVA Heinsberg.
Quelle: Foto: Carsten Kobow

© Aachener Zeitung online vom 25.09.2015

Heinsberg. Jens Nowotny kennt sich mit Sportgerichtsverfahren gut aus. Der ehemalige Nationalspieler wurde in 336 absolvierten Bundesliga-Begegnungen insgesamt achtmal vorzeitig zum Duschen geschickt – Rekord im deutschen Profifußball.

Außerhalb des Fußballfelds ist der inzwischen 41-jährige Badener aber nie „straffällig“ geworden. Trotzdem war er hinter Gefängnismauern wiederholt zu Besuch: Im Dienste der Sepp-Herberger-Stiftung engagiert sich der Ex-Profi für die Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“.

In dieser Woche kam Jens Nowotny zum dritten Mal in die JVA Heinsberg. 20 Männer im Alter zwischen 16 und 24 Jahren sitzen dem dreifachen Familienvater am Rand des Kunstrasenspielfelds in Nordrhein-Westfalens größter Jugendstrafanstalt bei bestem Spätsommer-Wetter gegenüber.

Die jungen Männer sind neugierig auf den prominenten Gast und haben sich auf den Termin gut vorbereit. „Wir sind hier alle fußballverrückt, wissen alles von der Landes- bis zur Bundesliga“, sagt einer von ihnen. Die aktuelle Tabellensituation in der Fußball-Bundesliga, die anstehende Englische Woche, der Favre-Rücktritt in Mönchengladbach – die Jugendlichen sind gut informiert.

Nowotny berichtet von seiner langen Profilaufbahn, von Höhepunkten und von Niederlagen. „Ich hatte in meiner Karriere immer wieder Knieprobleme. Jedes Mal, wenn ich ganz oben war, warf mich eine Verletzung zurück“, sagt er. „Ich musste immer wieder aufstehen, mich neu beweisen, um wieder in die Mannschaft zu kommen.“

Nowotny lernte, mit diesen Rückschlägen umzugehen. Er kämpfte sich zurück und stand im Sommer 2006 auf dem Rasen, als Deutschland mit dem 3:1-Erfolg gegen Portugal im „kleinen“ WM-Finale das letzte Kapitel des damaligen Sommermärchens schrieb. „Der Abend in Stuttgart, der Empfang am Brandenburger Tor in Berlin, das waren ganz besondere Höhepunkte meiner Karriere“, sagt Nowotny.

Seinen Zuhörern ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land noch in guter Erinnerung. Heute ringen sie in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg um ihre Zukunft. Angeleitet von den Mitarbeitern der Haftanstalt bereiten sie sich im Rahmen der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ zusammen auf die Zeit nach der Haft vor.

Sie leben gemeinsam in der DFB-Wohngruppe, absolvieren einen Schul- oder Berufsabschluss, belegen Fortbildungen zu Schiedsrichtern oder Trainern. Mit Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit und der DFB-Landesverbände soll so später der Übergang aus dem Gefängnis in weiterführende Ausbildungen, Anstellungsverhältnisse, Praktika oder Tätigkeiten im Fußball gelingen.

Teilweise sind die jungen Männer bereits während der Haft für die Teams des SV Ophoven am Ball. Für das Erreichen der gesteckten Ziele sind Disziplin und das Einhalten der bestehenden Regeln erforderlich: „Zieht ein Teilnehmer nicht mit, scheidet er zunächst für vier Wochen aus dem Projekt aus und kann sich danach neu beweisen“, sagt Wohngruppen-Leiter Thomas Klein.

Seit dem letzten Besuch Nowotnys im Frühjahr 2014 wurden mehr als ein Dutzend Projekt-Teilnehmer aus der Haftanstalt entlassen. Bisher kam keiner von ihnen zurück nach Heinsberg. „Wir sind froh, wenn wir die Jugendlichen nur zu den regelmäßigen Nachsorge-Gesprächen wiedersehen“, betont Klein. Dann bleibt die Hoffnung, dass der Anstoß für eine straffreie Zukunft geglückt ist.

„Entscheidend ist der Wille, etwas zu erreichen“, sagt Nowotny bei der Verabschiedung. Eine Wahrheit, die nicht nur auf dem Fußballplatz gilt.


 

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