Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Laufen, bis man sich wirklich wohlfühlt

 

Laufen, bis man sich wirklich wohlfühlt

Olympiasieger Dieter Baumann bei Projekt in der JVA Heinsberg. Ein Höhepunkt im Alltag eines Häftlings. Teamgeist entwickeln.
Dieter Baumann joggt mit Insassen der JVA Ein Lauf mit einem Goldmedaillengewinner: Dieter Baumann (vorne rechts) joggt mit JVA-Insassen, die am Projekt „Jugend bewegt sich über Grenzen“ teilnehmen.

© Heinsberger Zeitung von Daniel Gerhards

Heinsberg. Nach einer Weile vergisst man die hohen Mauern. Eine Sportanlage, ein Zieleinlauf, ein Siegerpodest – das kennt man von kleinen und mittelgroßen Leichtathletikwettbewerben. Auch Zuschauer sind da. Sie klatschen beim Einlauf der Teams, die aus ganz Deutschland angereist sind. Aber die meisten Zuschauer tragen einen großen Schlüsselbund am Gürtel, manche von ihnen auch eine Uniform. Und dann fallen sie doch wieder ins Auge die hohen Mauern der Justizvollzugsanstalt Heinsberg. Man kann sie beinahe vergessen, diese Mauer, die vielen verschlossenen Türen und die Sicherheitsschleusen. Denn am gestrigen Freitag geht es um Sport. Das Bundesfinale des Laufprojekts „Jugend bewegt sich über Grenzen“ findet in  Heinsberg statt. Dazu ist ein Mann gekommen, der wohl mehr vom Laufen versteht als alle Teilnehmer zusammen: Olympiasieger Dieter Baumann. 1992 rannte er in Barcelona über 5000 Meter zu Gold. Baumann ist das Zugpferd der Aktion, das Gesicht. Dieter Baumann ist noch immer ein Promi – und trotz Zahnpasta-Affäre ist er beliebt. Vielleicht auch, weil er sich bodenständig und locker gibt. Er lässt sich etliche Male fotografieren, er nimmt die jungen Häftlinge in den Arm, klatscht ab, macht Späße. Ein Olympiasieger zum Anfassen. Nur die sonst obligatorischen Selfies fallen aus, Smartphones sind für Häftlinge tabu. Das alles sei für Baumann selbstverständlich. „Ich mache da keinen Unterschied. Wenn ich mit Managern laufe, ist das für mich genauso. Für mich sind das Menschen, die Spaß am Laufen haben“, sagt er. Man trifft sich auf der Ebene Laufen. Darum geht es, nicht um Biografien und Verfehlungen. Das Projekt, das gestern in Heinsberg seinen krönenden Abschluss für dieses Jahr findet, läuft bereits seit neun Jahren. Dieter Baumann war immer dabei. Er hat die Aktion mit Dierk Bublitz von der JVA Rockenberg in Hessen initiiert. Zur Aktion gekommen sei Baumann „ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde“. Mittlerweile will er diesen Termin aber nicht mehr aus seinem Jahreskalender streichen. Das Projekt, das Team, die Menschen seien ihm ans Herz gewachsen.


15 Teams aus ganz Deutschland

Dieter Baumann Ein Olympiasieger zum Anfassen: Dieter Baumann kam am Freitag in die JVA Heinsberg.

Für JVA-Leiterin Ingrid Lambertz und ihren Stellvertreter Franz-Josef Bischofs geht es bei der Aktion auch darum, dass ihre Insassen Selbstvertrauen tanken, Teamgeist entwickeln. „Sie können einen ganzen Tag an der frischen Luft sein, andere Leute sehen und sich selber zeigen“, sagt Lambertz. Das sei ein echter Höhepunkt im Alltag eines Gefangenen. Zusammenarbeit im Team ist auch gefragt, weil beim Rennen im Gefängnis niemand alleine gewinnen kann. Es treten 15 Teams aus ganz Deutschland an. Jede Mannschaft besteht aus fünf Läufern, die die Halbmarathondistanz in einer Staffel zurücklegen müssen. Jeder Teilnehmer läuft fünf Runden á 840 Meter, dann übernimmt der nächste. Das ergibt am Ende eine Strecke von 21,5 Kilometern. Die fünf Läufer der JVA Heinsberg haben sich darauf rund sieben  Wochen mit Sportkoordinator Franz-Josef Fronk vorbereitet. Dieter Baumann hat auch Sportklamotten an. Die erste Aufwärmrunde läuft er mit. Was die Aktion den Gefangenen bringt? Baumann will die Frage nach dem Erfolg nicht zu hoch aufhängen. Es gehe darum, einen Schlüssel zu finden, um die Jugendlichen „positiv zu beeinflussen“. Bei manchen ist das der Sport. „Beim Laufen kann man sich wohlfühlen. Das ist keine aggressionsbildende Sportart, sondern ein Sport zum Entspannen“, sagt er. „Wenn man eine Stunde durch den Wald läuft, fühlt man sich gut. Wenn das einer von den Jungs mit nach draußen nimmt, haben wir viel erreicht“, sagt er. Am Ende steht dann das, was Baumann aus seiner aktiven Zeit kennt: die Siegerehrung. Es gewinnt das Team der JVA Wiesbaden in gut 1:25 Stunden, Zweiter wird das Team aus Regis-Breitlingen in Sachsen vor den Läufern aus Erbrach in Bayern. Das Team der JVA Heinsberg wird Neunter.



 

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