Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Die vielen Gefahren der Ausgrenzung

 

Die vielen Gefahren der Ausgrenzung

Junge Männer können sich in Gefängnissen radikalisieren. Gewalt ist für viele die Lösung für Probleme. Lässt sich das verhindern?
Luftbild der JVA Heinsberg Die Jugendhaftanstalt Heinsberg aus der Luft gesehen: Etwa 400 junge Männer verbüßen dort ihre Strafen. Die Leitung des Gefängnisses sieht diese Zeit vor allem als Erziehungsauftrag, während dem es gilt, die Radikalisierung der Häftlinge zu verhindern.
Quelle: Foto: Archiv, Bornefeld

© Heinsberger Zeitung von Rauke Xenia Bornfeld

Heinsberg. Für die fünf Insassen der Justizvollzugsanstalt Heinsberg ist der Gefängnisaufenthalt prägend, vielleicht sogar einschneidend. Auf der Seite „podknast.de“ berichten sie von ihren Gefühlen, wenn sich die Zellentür schließt. Von dem Gefühl, „sterben zu müssen“, ist die Rede. Sie vermissen die Familie, die Freundin, die Freiheit. Sie fühlen sich alleingelassen. „Da ist niemand, mit dem man über seine Probleme reden kann.“ Zumindest diese fünf scheinen ihr Leben ändern zu wollen. „Knast ist eine leidvolle Erfahrung“, sagt Udo Freywald, Leiter der Bewährungshilfe im Kreis Düren. Gleichzeitig besteht die Befürchtung, dass immer mehr junge Männer sich während dieser „leidvollen“ Zeit radikalisieren (siehe Infokasten). Junge Männer nähern sich dem islamistischen oder rechtsradikalen Gedankengut. In welche Richtung sich die Jugendlichen radikalisieren, sei dabei eher Zufall. „Weil ihnen die Wertvermittler gefehlt haben, ist ihr Wunsch nach Orientierung so groß. Sie lassen sich schnell beeindrucken“, sagt Freywald.

Letzte Skrupel

„Sie sind für radikale Gesinnungen sehr empfänglich“, sagt auch Mona Oellers über die Insassen. Sie ist Anti-Gewalt-Trainerin, die mit Inhaftierten gearbeitet hat. Das liege zum einen an der Langeweile im Gefängnis, aber auch an der ablehnenden Haltung der Gesellschaft. „Radikale Gruppierungen akzeptieren diese Menschen so, wie sie sind, und sie geben ihnen eine Aufgabe.“ Ihre früh durch die Familie, Freunde oder Medien initialisierte Strategie, Probleme mit Gewalt zu lösen, wird weder von Rechtsradikalen noch von Islamisten abgelehnt, sondern mit einem höheren Ziel verbunden. „Letzte Skrupel werden ausgeknipst“, sagt Oellers. Menschen zu erniedrigen gebe ihnen das Gefühl der Macht. Man muss aber nicht gleich radikalisiert werden, auch bei ganz Alltäglichem sehen viele Gefängnisinsassen Gewalt als Mittel zur Problemlösung. Nun ist es nicht so, dass wegen Körperverletzung, Totschlages oder Mordes inhaftierte Jugendliche einfach ihre Haftzeit absitzen, um nahtlos dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört haben. „Wir haben vor allem auch einen Erziehungsauftrag“, sagt der stellvertretende Leiter der JVA Heinsberg, Franz-Josef Bischofs. Gut 400 Menschen, 14 bis etwa 24 Jahre alte Jungen und Männer, sitzen in Heinsberg ein. „Gewalt wird nicht toleriert“, sagt Bischofs. Gehe das Maß über jugendtypische Rangeleien hinaus, werde sanktioniert. Das Strafspektrum reiche vom Entzug von Privilegien wie private Kleidung oder den Fernseher auf der Zelle bis zu Strafanträgen. 31 Verfahren wurden im vergangenen Jahr laut Staatsanwaltschaft Aachen wegen Straftaten in der JVA Heinsberg eingeleitet. „Allerdings verstecken sich darunter auch andere Vergehen, zum Beispiel wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz“, sagt Jost Schützeberg, Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft. „Erfahrungsgemäß überwiegen die Gewaltdelikte.“


Stv. Anstaltsleiter Bischofs Insassen sollen die Haftzeit nicht einfach nur absitzen: Franz-Josef Bischofs, stellvertretender Leiter der JVA Heinsberg, will Haft sinnvoll gestalten.

Anti-Gewalt-Training

Besonders Gewaltverbrechern wird nahegelegt, während ihrer Haft- oder Bewährungszeit an Anti-Gewalt-Trainings teilzunehmen. „95 Prozent der Jungs nehmen dieses Angebot an. Aber wir können sie nicht zwingen. Alle sozialen Trainingsangebote funktionieren nur bei Freiwilligkeit“, sagt Bischofs. Das bestätigt Anti-Gewalt-Trainerin Oellers ebenso wie die Wirksamkeit dieser Trainings. Und doch sieht sie viele Möglichkeiten ungenutzt: „In der Regel sieht ein Gefangener den Sozialpädagogen einmal im Monat – und das in dieser Extremsituation.“ Nach der Entlassung sei es kaum besser. „Sie kommen mit den besten Absichten heraus, aber scheitern schnell, weil sie eben keine anderen Freunde haben, weil ihnen kein Betrieb eine Chance auf eine Ausbildung gibt, weil sie ihre Trainer und Bewährungshelfer nur sehr zeitlich begrenzt an die Seite bekommen.“ Auch wenn Freywald ebenfalls die Ausgrenzung von Straftätern als Gefahr für deren Resozialisierung sieht, die Chancen auf ein gesellschaftskonformes Leben bewertet er nicht so schlecht. „Wir arbeiten mit unseren Klienten daran, auf die eigenen Kräfte zu schauen und Eigenverantwortung zu entwickeln. Dein Handeln wird gemessen, aber du hast die Macht über dein Handeln“, fasst er das Ziel zusammen. In zwei Jahren, also in der durchschnittlichen Betreuungsdauer von Jugendlichen, könne man schon vieles erreichen. Und ein Rückfall sei auch eine  Chance, die Arbeit fortzuführen. Die Bewährungshilfe Düren ist zuständig für 1000 Klienten, jeder Bewährungshelfer betreut im Schnitt 80 Straftäter jeden Alters. Bei Jugendlichen und vorzeitig Entlassenen ist Bewährungshilfe obligatorisch, bei Erwachsenen entscheidet der Richter. Die Häufigkeit der Treffen richtet sich nach dem Bedarf. Freiwillig kann ein Straftäter keine Bewährungshilfe in Anspruch nehmen.


Landesregierung setzt auf islamische Bildungsangebote in Jugendgefängnissen

Radikalisierung in Gefängnissen ist ein vieldiskutiertes Thema. In NRW sei bis jetzt allerdings kein einziger Fall von Radikalisierung bekannt, sagte Landes-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) kürzlich. Doch daran gibt es erhebliche Zweifel. Peter Brock zum Beispiel, der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten in NRW, sagte dem WDR: „Die Dunkelziffer ist hoch.“ Die Landesregierung sieht die Gefahr auch und handelt.

Um religiös verbrämte Radikalisierungen von Straftätern zu verhindern, setzt die Landesregierung auf mehr islamische Bildung im Gefängnis. Damit macht die JVA Heinsberg bereits seit 20 Jahren gute Erfahrungen. Alle zwei Wochen gehen ehrenamtlich engagierte Mitglieder der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinde Hückelhoven in das Jugendgefängnis, um die Inhalte des Islam zu lehren. Alle 14 Tage kommt für das Freitagsgebet ein Imam aus Köln. Ein Gebetsraum wurde durch die Gemeinde ehrenamtlich hergerichtet. Finanziert wurde es durch Spenden. 20 bis 25 der rund 100 muslimischen Männer nutzen das Angebot.

Anstaltsleitung und Ditib würden das Angebot gern ausbauen und einmal in der Woche Religionsunterricht anbieten. „Wir allein können das aber nicht stemmen“, sagt Hüseyin Baytekin von der Ditib-Gemeinde Hückelhoven und hofft deshalb auf Engagement anderer Moschee-Gemeinden.

Um Salafisten und andere radikale Gruppierungen aus dem Knast zu halten, prüft das NRW-Justizministerium die Gemeinden auf extreme Tendenzen, bevor ein Engagement möglich wird. Denn im Gefängnis ist kein Beamter bei den Treffen dabei. Islamische Seelsorge genießt den gleichen Vertrauensschutz wie katholische oder evangelische.



 

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