Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Haben Sie nicht zwei Spieler für mich?

 

Haben Sie nicht zwei Spieler für mich?

Sepp-Herberger-Urkunde: Der Hauptpreis in der Kategorie „Resozialisierung“ geht an den SV Ophoven aus dem Kreis Heinsberg
Spieler der DFB-Wohngruppe auf dem Flur im Hafthaus Vorbildlich: Der SV Ophoven ist Partner der initiative "Anstoß für ein neuen Leben" und wurde für sein Engagement mit der "Sepp-Herberger-Urkunde 2015" ausgezeichnet.
Quelle: Foto: Carsten Kobow

© Heinsberger Zeitung

Wassenberg. Platz zehn in der Staffel 3 der Kreisliga C belegt aktuell der SV 1936 Ophoven, am Freitag aber ist der Klub aus dem Fußballkreis Heinsberg die Nummer eins! Im Mannheimer Rosengarten werden dann die Sepp-Herberger-Urkunden 2015 verliehen. Insgesamt zehn Fußballvereine erhalten in den Kategorien Behindertenfußball, Resozialisierung, Schule und Verein sowie Sozialwerk die mit Geldpreisen in einer Gesamthöhe von 35.000 Euro dotierte Auszeichnungen. Und Platz eins in der Kategorie Resozialisierung belegt der SV Ophoven.

Es begann im Jahre 2009. Damals wurde Dirk Schulze, heute 46, zum 1. Vorsitzenden des unterklassigen Spielvereins 1936 Ophoven gewählt. Der dynamische, innovative „Neue“ hatte das Ziel, eine zweite Mannschaft zu gründen. Dazu fehlten ihm aber – so die alten Hasen im Vorstand – „mindestens zwei Aktive“; der SV hatte nur 28. Schulze rief in der nahe gelegenen Jugend-Justizvollzugsanstalt Heinsberg an: „Haben Sie nicht zwei Spieler für mich?“

Kontakt zur Außenwelt

„Zwei?“, echote es aus dem Telefon, „sie können acht haben!“ Am anderen Ende der Leitung saß der heute pensionierte, damalige stellvertretende Leiter der Anstalt, Willi Kroh. Er stand schon immer dafür ein, dass jugendliche Straftäter während ihrer Haftzeit möglichst viele Kontakte zur Außenwelt haben sollen. Außerdem ist die JVA von Beginn an Partner der Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“, die von der DFB-Stiftung Sepp Herberger, der Bundesagentur für Arbeit, dem nordrhein-westfälischen Justizministerium und anderen Partnern ins Lebe gerufen wurde. Und so unterschrieb Schulze kurz darauf ein Papier, demzufolge dieses Engagement keine Eintagsfliege, sondern nachhaltig sein solle und der Verein alle Auflagen erfülle.

Ophoven ist ein Stadtteil von Wassenberg und zählt heute 739 Einwohner. Der Verein umfasst rund 100 Mitglieder – eine beachtliche Prozentzahl. Schulze: „Erst waren die Leute skeptisch, aber dann haben sie erkannt, dass oft gar nicht bemerkbar war, warum einer in Haft ist – so gut haben die sich integriert.“

30 Spieler hat der SV Ophoven inzwischen „durchgeschleust“. Da ist es nur logisch, dass dieser kleine Verein angesichts seiner Ausdauer und seines Engagements den ersten Preis bei der Verleihung der Sepp-Herberger-Urkunden 2015 im Bereich Resozialisierung erhält. Die Auszeichnung ist mit einem Betrag in Höhe von 5.000 Euro dotiert. Manche Spieler sind auch nach der Haft im Verein geblieben und haben einige Fahrtstrecken auf sich genommen, um pünktlich zum Anstoß zu erscheinen. Anderen wurden dank der Beziehungen des Vereins Lehrstellen verschafft. „In der Rückrunde der letzten Saison, als wir Personalnot hatten, standen acht Spieler aus der JVA für uns auf dem Platz“, erinnert sich Schulze. Derzeit sind es vier. „Andere Vereine aus dem Umland wie der TuS Rheinland Dremmen und der FC Heinsberg-Lieck wollen uns unterstützen, und das ist nur gut so“, erklärt Schulze. „Denn die Belastungen sind schon enorm.“

Die Spieler müssen zwei Mal wöchentlich zum Training abgeholt und wieder in die JVA zurückgebracht werden, dazu sonntags zu den Spielen. Das erfordert großen zeitlichen Aufwand der Vereinsangehörigen, verursacht erhebliche Fahrtkosten, aber, so Schulze: „Auch von den Beamten in der JVA ist eine erhebliche zeitliche Flexibilität und viel Engagement erforderlich.“

Schulzes Traum

Seinen größten Traum hat sich Schulze noch nicht erfüllen können. Es gibt in Heinsberg ein „DFB-Team“, in dem talentierte Jugendspieler zusammengefasst sind, die innerhalb der JVA auch in einer sogenannten „DFB-Wohngruppe“ zusammenleben. Aus denen wollte Schulze eine eigene A-Jugend bilden, aber das scheiterte: Die Insassen dürfen die JVA sonntags erst ab 12 Uhr verlassen, und das hätte die Spielpläne gestört. Die Gegner hätten nur Auswärtsspiele auf dem Trainingsgelände des Gefängnisses gehabt – und deren Anreise hätte auch das Wachpersonal vor derzeit unlösbare Probleme gestellt.

Die weiteren Plätze belegen Hansa Rostock (Mecklenburg-Vorpommern; 2. Platz) und der TSV Friedrichsberg-Busdorf (Schleswig-Holstein).


Zwei Fragen an: Dirk Schulze (Vorsitzender des SV Ophoven)

Was bedeutet Ihnen und dem Verein die Auszeichnung?
Schulze: Für uns ist es die Bestätigung, dass wir mit dieser Idee auf dem richtigen Weg sind. Wir leben diese Aktion mittlerweile, es ist bei uns Normalität.

Wissen Sie schon, wie Sie die 5000 Euro Preisgeld einsetzen?
Schulze: Das wird natürlich in die Aktion fließen, unsere Ausgaben sind ja ziemlich hoch. Wir haben ja schon einige Auszeichnungen bekommen, und so haben wir das immer gemacht.



 

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