Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Der Traum vom eigenen Zuhause

 

Der Traum vom eigenen Zuhause

Leben hinter Gittern - Der Jugendknast, Teil 2 - Das pädagogische Zentrum der JVA Heinsberg unterrichtet Analphabeten und Abiturienten. Gute Beziehung als Basis für erfolgreiches Lernen.
Blick in den Flur der Haftabteilung - Im Hintergrund öffnet ein Justizvollzugsbediensteter die Tür des Haftraums. Raus aus der grauen Zelle: Der Unterricht im pädagogischen Zentrum ist für die meisten Inhaftierten der JVA Heinsberg, die noch schulpflichtig sind, eine willkommene Abwechslung zum Haftalltag.
Quelle: Nicole Diefenthal

©  Aachener Zeitung vom 19. Mai 2014 von Bettina Begner und Maren van Lier

Heinsberg. Ramon* ist ganz still, als seine Lehrerin Renate Neuber etwas zur heutigen „topic“ sagt. Es geht um Australien und wie Schüler dort ihren Unterricht genießen. „Was heißt ‚School of the Air‘?“ fragt die Lehrerin, der man ihre lange Berufspraxis ansieht. Sie wirkt gelassen, routiniert. Erik sagt: „Mit dem Funk, ne?“ Frau Neuber nickt. Es ist ein Klassenraum voller Individuen. Jeden hat das Schicksal geprägt. Unverkennbares Zeichen dafür ist die Einheitskleidung, die die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Heinsberg bei Haftantritt bekommen. Mit ihren eigenen Kleidern legen sie – zumindest auf Zeit – auch ihr altes Leben ab. Raub, Drogendelikte, schwere Körperverletzung – die Gründe für ihr Hiersein liegen eine Weile zurück und werden sie doch lange verfolgen.

Jeder kann etwas sagen

In der AVK, der Abschlussvorbereitungsklasse von Renate Neuber, tragen sie nun alle dunkelblaue Hosen und einen blass-grünen Pullover. Neuber unterrichtet seit 1978 jugendliche Straftäter in der JVA Heinsberg. Sie stellt ihren Schülern eine englische Hörverständnisaufgabe. Ramon macht sich Notizen. Erik scheint desinteressiert. Er sitzt breitbeinig und gelangweilt da. Als Renate Neuber fragt, um was es im Gespräch gegangen sei, kann jedoch jeder etwas sagen. Sie witzeln herum. Schmunzeln, selbst Renate Neuber.

Die Paragraphen 37 und 38 des Schulgesetzes NRW sagen: „Die Schulpflicht in der Primarstufe und der Sekundarstufe I dauert zehn Schuljahre, am Gymnasium neun Schuljahre (§ 10 Abs. 3). Sie wird durch den Besuch der Grundschule und einer weiterführenden allgemein bildenden Schule erfüllt. Sie endet vorher, wenn die Schülerin oder der Schüler einen der nach dem zehnten Vollzeitschuljahr vorgesehenen Abschlüsse in weniger als zehn Schuljahren erreicht hat.“ In der JVA Heinsberg trifft dieses Gesetz auf etwa 20 Prozent der Inhaftierten zu. Für sie nimmt die Schule den größten Raum in ihrem Alltag ein.

Im pädagogischen Zentrum des Jugendknasts unterrichten eine Grundschullehrerin, drei Lehrer für die Sekundarstufe I, zwei Sonderschullehrer, zwei Sek-II-Lehrer und Lehrkräfte des Berufskollegs Geilenkirchen. Es gibt alles: vom Analphabeten bis zum Abiturienten. Einer von Frau Neubers Schülern hat seine Zulassungsklausuren für die Abiturprüfung erfolgreich abgelegt. Renate Neuber ist stolz auf ihn, sie sagt: „Der hat gelernt wie ein Wahnsinniger. Stoff aus drei Jahren Unterricht hat er in einem Jahr geschafft.“

Ramon sitzt wegen Diebstahl und Raub ein. Bald ist seine Haftzeit vorbei. „Später will ich irgendwas studieren“, sagt er. „Am besten Physik oder Chemie. Jetzt gehe ich gerne zur Schule. Der einzige Feind ist dein Kopf. Wenn du oben klar bist, kann nichts passieren.“
Schule wird im Knast behandelt wie Arbeit – also entlohnt. Um die elf Euro bekommt jeder Häftling pro Schultag. Der größte Teil wird als Überbrückungsgeld für die Zeit nach der Entlassung zurückgelegt. Für den Rest darf eingekauft werden. Bei den wenigsten scheint das Geld die Motivation zum Lernen zu sein. Zumindest vermitteln sie diesen Eindruck.

Frau Neuber deutete schon an, dass diese Klasse die Crème de la Crème der Schüler ist. Neben der AVK gibt es vier Aufbaulehrgänge, die je nach Niveau, nie nach Delikt, angeboten werden. Im Aufbaulehrgang 1, der das Niveau der Grundschulklassen eins bis zwei hat, unterrichtet Frau Lenzen. Die Schüler sollen eine Europaflagge zeichnen. Laurenz bemängelt seinen stumpfen Bleistift und fragt, ob er ihn spitzen könne. Frau Lenzen erlaubt es ihm. Dann sagt er: „Der ist jetzt so spitz, mit dem könnte man jemanden abstechen.“ Das ist einer der Momente, in denen die Normalität aus der sonst so gelösten Stimmung im Unterricht weicht.

In einer Berufsschulklasse spricht Herr Huuk über den Verdichtungsfaktor von plastischem Beton. Alle sind sehr aufmerksam. Es scheint auch hier, als hätten sie ein Zukunftsbild vor Augen, für das es sich zu lernen lohnt. Osman sagt: „Hier konzentriert man sich mehr. Morgens habe ich oft keine Lust gehabt, zur Berufsschule zu gehen. Hier kriegt man einen Tritt in den Arsch.“

Die Leistungen seiner Schüler, sagt Herr Huuk, seien im Vergleich zum Berufskolleg Geilenkirchen besser. Er hat den direkten Vergleich, da er an beiden Institutionen unterrichtet. „Vielleicht ist nicht unbedingt die Leistungsbereitschaft höher, aber die Ablenkungsfähigkeit ist geringer.“ Nach der zweijährigen Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter, oder nach der 36-monatigen Ausbildung zum Maurergesellen fühlen sich die meisten seiner Schüler bereit für ein Berufsleben draußen. Dazu mag beitragen, dass Herr Huuk überzeugt davon ist, dass in ihnen auch ein guter Arbeiter steckt. „Die Jungs machen ihre Arbeit ja genauso gut wie Nicht-Häftlinge.“

Nach der Pause, die die meisten Jungs rauchend im Freien verbringen, sind wir im Klassenzimmer von Deutschlehrerin Katharina Becker-Bauwens. Ein buntes Alphabet hängt an der Wand. Den Umlaut „eu“ erklärt das Bild von einer Eule. Es gibt Plakate mit Jahreszeiten und Wochentagen.

Der Kurs „Deutsch als Fremdsprache“ wird seit November angeboten. Katharina Becker-Bauwens arbeitete an einer Grundschule, bevor sie zur JVA wechselte. In der Klasse herrscht eine lockere Atmosphäre. Alle sind nett zueinander. Vor allem gegenüber ihrer jungen Lehrerin sind die Jugendlichen sehr respektvoll. Viele arbeiten freiwillig mit, weil sie Langeweile auf der Zelle haben. Mohammed etwa sei sehr fleißig, sagt die Lehrerin. „Ich möchte Mechaniker werden und an Autos herumschrauben und meinen Führerschein machen“, erzählt Mohammed. Er hat keine Familie hier. Nur seine Freundin, mit der er zusammenziehen möchte, wenn er seine Haftstrafe abgesessen hat. „Ich möchte mein eigenes Haus bezahlen und eine eigene Familie haben, aber erst, wenn ich einen Job habe.“ Seine Augen glänzen, während er das erzählt. „Man lernt erst, wenn man im Gefängnis war. Ich hatte vorher Bewährungen und habe trotzdem Mist gebaut. Habe erst hier gelernt, was ich getan habe und bereue es.“

Zur Ruhe kommen

Die Schule in der Justizvollzugsanstalt schafft eine Ordnung, die ihre Schüler draußen nicht kannten. Sie kommen – ob sie wollen oder nicht – zur Ruhe, haben Zeit zum Nachdenken. Und zum Lernen. Das pädagogische Zentrum handelt nach dem Leitsatz: Die Schüler dort abholen, wo sie stehen. Das ist eine Chance, die viele ergreifen. Auch in der Klasse von Nicole Bode-Görling. Sie unterrichtet acht Schüler auf dem Niveau der fünften und sechsten Klasse. Ihr jüngster Schüler ist 15 und sieht mit seinen großen blauen Augen und den langen Wimpern so unschuldig aus, dass Muttergefühle hochkommen. Wegen Erpressung sitzt er in U-Haft. Nicole Bode-Görling sagt: „Mir geht es im Unterricht vor allem um den Aufbau von Beziehungen, die eine grundlegende Voraussetzung für den Lernerfolg sind.“ Sie sieht die Jungs, die Fleißigen und die Faulen. Einige, so erzählt sie, mag sie: „Wenn ich dann in ihre Akte schaue, kommt mir manchmal schon das Kotzen.“ Im Unterricht, es wird technisch gezeichnet, merkt man davon nichts.

Bode-Görling freut sich über das Talent Dustins, wie er freihändig ein Citycenter zeichnet, das aussieht, als sei es mithilfe eines Lineals angefertigt worden. „Wenn ich raus bin, habe ich bestimmt  Angst vor Türen“, sagt Lukas, und Timo erwidert: „Nee, das geht weg.“ Er ist Wiederholungstäter. Er hat einen Menschen tagelang festgehalten und ihm mit einer Gaspistole in den Mund geschossen. Sein Citycenter sieht ganz ordentlich aus.


Niemand ist gern allein, wenn er aus dem Knast kommt

„Kriminalität hat viele Hintergründe“, sagt Sozialarbeiter Stephan Schlebusch. Er wirbt dafür, Haftentlassenen eine Chance zu geben.

© Von Nicole Diefenthal

Stephan Schlebusch weiß, wovon er spricht. Seit 30 Jahren arbeitet er im Justizvollzug, seit 2012 ist er Leiter der Sozialarbeit in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg. „Als ich angefangen habe, war ich der große Bruder, jetzt bin ich der Opa“, sagt der 54-Jährige über seine Beziehung zu den Gefangenen.

Herr Schlebusch, werden Sie für die jungen Inhaftierten, die Sie betreuen, schon mal zum Ersatzvater?
Schlebusch: Eine solche Rolle darf ich als Sozialarbeiter nicht unbewusst einnehmen, das wäre unprofessionell. Aber es gehört zu meinem Beruf, die väterliche Seite einzunehmen, um Einsicht zu erzeugen. Die Elternrolle ist ja eine Mischung aus Sanftmut und Strenge, die zur Erziehung eines Kindes führt.

Eltern! Mit ihnen fängt es an, oder?
Schlebusch: Von nichts kommt nichts. Vielen unserer Klienten fehlen alltägliche Kompetenzen, und das ist ein Problem des Elternhauses. Trennung, Gewalt, sexuelle Übergriffe – das bleibt im Menschen stecken. So wie andere lernen, nach dem Essen den Tisch abzuräumen und die Töpfe zu spülen. Auch die ungünstige Entwicklung prägt einen jungen Menschen umso stärker, je länger er ihr ausgesetzt ist.

Wo fangen Sie mit Ihrer Arbeit an?
Schlebusch: Jugendstrafvollzug dient per Gesetz der Erziehung und nicht der Strafe. Und das fängt wirklich oft bei grundlegenden Dingen und Umgangsformen an. Es liegt aber auch das Wissen zugrunde: Die Leute sind wegen Straftaten hier, hinter diesen steckt immer eine Biografie. Uns ist wichtig, diese Hintergründe zu beleuchten – nicht als Entschuldigung, sondern als Erklärung und Arbeitsgrundlage. Die Tat macht einen Teil der Persönlichkeit aus, diese hat immer mehrere Facetten.

Haben Ihre Klienten denn alle die gleiche Biografie?
Schlebusch: Kriminalität hat viele Hintergründe. Es ist ja nicht so, dass Leute straffällig werden, weil sie familiäre Probleme haben oder keinen Schulabschluss, sondern weil sich die Probleme  bündeln. Dazu gehören vor allem das familiäre und gesellschaftliche Umfeld. Wir müssen herausfinden, welche Ursachen die Straffälligkeit hat, etwa welche Rolle jemand in seiner Clique spielt. Ist er Mitläufer oder Anführer? Die Inhaftierten haben häufig nicht den sozialen und materiellen Hintergrund wie Jugendliche in der Mittelschicht. Das müssen wir mit Blick auf ihre Entlassung beachten.

Inwiefern?
Schlebusch: Niemand ist gern allein. Es lässt sich so leicht sagen: „Du musst deinen sozialen Umgang ändern, das Milieu ist schlecht für dich!“ Wenn sich ein Haftentlassener von seinen Kumpels trennt, dann muss es Alternativen geben! Wir versuchen, jedem ein Netz für die Zeit nach der Entlassung zu knüpfen. Bricht es, rasseln unsere Leute schnell bis ganz unten durch!

Was erwarten Sie von uns draußen, von der Gesellschaft?
Schlebusch: Nicht diskriminierend zu sein. Viele unserer Klienten scheitern an den Vorurteilen, die draußen sind. Ich wünsche mir, dass die Menschen Häftlingen, die ihre Strafe abgesessen haben, eine Chance geben.

Die JVA tut das zum Beispiel durch ein Belohnungs-Programm, in dem die Gefangenen sich bei guter Führung Privilegien bis hin zum Freigang ohne Aufsicht erarbeiten können. Werden Sie nie enttäuscht?
Schlebusch: Doch das werde ich. Und das trifft mich, wenn ich mich aus Überzeugung für einen Klienten eingesetzt habe und der draußen Mist macht! Aber die totale Begrenzung der Freiheit ist keine Lösung. Je länger jemand in Haft ist, desto schwieriger wird die Reintegration. Je weniger soziale Kompetenzen jemand lernt, und das geht nur in der Gesellschaft, desto höher ist sein Aggressionspotenzial und damit das Risiko für die Gesellschaft. Die Vorbereitung auf die Freiheit muss im Vollzug beginnen. Die Integrationsarbeit des Vollzugs ist Opferprophylaxe.

Können wir das Risiko minimieren?
Schlebusch: Ich kann mich nur wiederholen: Niemand ist gern allein, niemand ist nur Täter, und jeder verdient eine Chance. Wir freuen uns über Leute, die ehrenamtlich zu uns in den Knast kommen und vorurteilsfrei mit den Inhaftierten sprechen – sie nicht hängenlassen!

Wie kann das konkret aussehen?
Schlebusch: Die JVA wirbt um ehrenamtliche Tätigkeit. Lebenserfahrene Menschen mit sozialem Bewusstsein können einzelne Häftlinge betreuen, die keine Angehörigen mehr haben. Oder sie können Gesprächs- oder Freizeitangebote machen, etwa mit einem Spieleabend ein Stück Normalität in den Knast bringen.



 

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