Justizvollzugsanstalt Heinsberg:  Da merkt man, wer die echten Freunde sind

 

Da merkt man, wer die echten Freunde sind

Der Alltag im Knast hat klare Strukturen und Regeln. Das ist für viele Häftlinge eine neue Erfahrung. Wir begleiten Dennis, den Hausarbeiter.
Blick auf die Hafthäuser 8 und 9

Die Justizvollzugsanstalt Heinsberg wurde 1978 eröffnet, in diesem Jahr werden die 2008 begonnenen Renovierungsarbeiten und Erweiterungsbauten abgeschlossen. In den acht Hafthäusern ist dann Platz für 566 Gefangene. Derzeit sitzen rund 420 Straftäter ein.


Messer in der Hand

Ins Jugendgefängnis kommt, wer für eine Straftat verurteilt wird, die er vor Vollendung seines 21. Lebensjahres begangen hat, und in der Entwicklung einem Jugendlichen gleichsteht. Strafmündig sind Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr.


Schultafel mit Buntstiften

Haftstrafen im Jugendstrafrecht sind mindestens sechs Monate und höchstens zehn Jahre lang. Erklärtes Ziel ist nicht das Bestrafen, sondern das Erziehen. Entsprechend gehören Schul- und Ausbildung zu den Grundlagen des pädagogischen Konzepts der JVA. Wir berichten darüber am nächsten Montag.


Wandschmiererei - Mörder der Jugend

Zwei Drittel der Inhaftierten wurden wegen Gewaltdelikten verurteilt. Dazu zählen Körperverletzung, Raub, Erpressung und andere Gewalttaten. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Inhaftierten in der JVA Heinsberg liegt in der Strafhaft bei etwa einem Jahr.


Sicherheitszaun

Zum JVA-Gelände in Heinsberg gehören Wohngruppen für Untersuchungs- und Strafgefangene, das Schulzentrum mit einer Kapelle, Ausbildungswerkstätten, eine Sportanlage und das offene Haus. Umgeben ist die Anstalt von einer 5,50 Meter hohen Mauer. (Fotos:Diefenthal (1), Stock (4))



©  Aachener Zeitung vom 12. Mai 2014 von Svenja Wimmers und Lena Özman


Bediensteter der Justizvollzugsanstalt läuft durch die Haftabteilung Graffiti im Ziegelbau: Man könnte meinen, durch den Wohntrakt einer Jugendherberge zu laufen. Der Altbau in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg strahlt eine warme, fast gemütliche, Atmosphäre aus.
Quelle: Foto: N. Diefenthal

Heinsberg. Die Nacht hat Dennis auf der durchgelegenen Schaumstoffmatratze verbracht und mit der Lebendkontrolle am Morgen beginnt sein Tag. Das Klicken des Schlosses und ein „Guten Morgen“ der Justizvollzugsbeamtin wecken ihn. Er hebt die Hand um zu zeigen, dass er noch da ist und murmelt „Guten Morgen“ zurück. Dennis (der anders heißt, aber nicht namentlich in der Zeitung genannt werden möchte) ist 22 Jahre alt. Seit 18 Monaten sitzt er im Jugendgefängnis Heinsberg ein. Vier Jahre hat er noch vor sich. Vier Jahre, 208 Wochen, gute 1400 Tage. Das ist die Zeit, die er im längsten Fall noch absitzen muss. Verurteilt wurde er wegen schwerer Körperverletzung. Er hat gedealt und jemand hat nicht gezahlt. Da hat er das Messer gezückt. Gestorben ist niemand.

Zehn Quadratmeter

6 Uhr morgens. Die Lebendkontrolle ist gerade vorbei. Es lohnt sich für Dennis nicht mehr, noch einmal einzuschlafen. Er macht sich für den Tag fertig, und schlingt sein Frühstück runter, das schon seit dem Abendbrot auf dem Tisch in seiner etwa zehn Quadratmeter großen Zelle steht. Graubrot, Nutella, Margarine, Marmelade in kleinen Portionsschälchen. Um 7 Uhr beginnt Dennis mit seinen Aufgaben als Hausarbeiter. Hausarbeiter ist ein Vertrauensjob, den man bekommt, bis die vorgesehene schulische oder berufliche Qualifizierung beginnt. Dennis kümmert sich mit zwei anderen Inhaftierten um die Sauberkeit in den Zellen und auf den Fluren. Heute ist Mittwoch, das bedeutet, dass die Bettwäsche ausgetauscht wird. Zusammen mit den beiden anderen Hausarbeitern und einem Justizvollzugsbeamten – ohne Aufsicht und Kontrolle geschieht nichts im Knast – geht Dennis durch die Zellen. Manche Inhaftierte sind schon ausgerückt, also in einer der Werkstätten. Die meisten sind jedoch noch in ihren Zellen. Sie müssen dann ihren Müll rausstellen und die Bettwäsche vor die Zellentür legen. Das klappt nicht immer. Auch heute hat eine Doppelzelle die Bettwäsche vergessen. Klare Reaktion der Beamten: Der Fernseher kommt für einen Tag weg. Damit kann man die Gefangenenamehesten zur Ordnung anhalten. Der Fernseher ist im Knast das Fenster zur Außenwelt. Wenn die erste Runde erledigt ist, kann Dennis sich kurz in seine Zelle zurückziehen. Als Hausarbeiter hat er es gut. Tagsüber ist seine Zelle offen und er kann auch auf den Flur gehen. Natürlich um dort seine Arbeiten zu erledigen, doch ist es eine Annehmlichkeit, auch mal mit den Beamten zu plaudern oder zu flachsen.

 Menschen mit Lebenserfahrung gesucht
Es ist uns wichtig, die Anstalt nicht nur durch Leute mit Schlüssel, sondern für Bürger von draußen zu öffnen“, sagt Stephan Schlebusch, Leiter der Sozialarbeit in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg.
Er spricht im Interview, das am nächsten Montag auf der Zeitungund-Schule-Seite erscheint, über die Chancen und Gefahren der Reintegration und darüber, wie der Vollzug darauf vorbereiten kann. Dann stellt die Schülerredaktion auch ihre Eindrücke von der Knastschule vor.
Eine Möglichkeit der Öffnung ist die ehrenamtliche Tätigkeit. „Der Ehrenamtler steht nicht in der Pflicht eines Bediensteten“, so Schlebusch. „Er kann vorbehaltlos im Umgang mit den Häftlingen sein, weil er nicht Teil der Institution ist. Für diese Tätigkeit gibt es rechtliche Voraussetzungen und es ist wichtig, über Lebenserfahrung zu verfügen.“
Ansprechpartner des ehrenamtlichen Dienstes in der JVA Heinsberg ist Diplom-Pädagoge Bruno Geiser, E-Mail: bruno.geiser@jva-heinsberg.nrw.de E-Mail-Adresse, öffnet Ihr Mail-Programm

Ausblick auf den Freistundenhof durch vergitterte Fenster Ausblick mit Hindernissen: Vor allen Fenstern der JVA sind Gitter angebracht, die auch den Blick auf die Freizeitanlagen einschränken.
Briefe schreiben

Heute nutzt Dennis die Pause, um auf den Brief seiner Schwester zu antworten, den er gestern bekommen hat. Ja, im Knast fängt man wieder an Briefe zu schreiben. Internet und Handy von einem auf den anderen Tag weg. Briefe und die wöchentlich möglichen Besuche von einer Stunde sind die einzigen Möglichkeiten, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Da merkt man, wer die echten Freunde sind. Die Kumpels, mit denen man vorher abgehangen und Scheiß gebaut hat, lassen sich oft nicht mehr blicken, wenn der Wohnort am Lago Laprello in Heinsberg liegt. Es ist klar geregelt, wann Dennis die Wäsche wegbringt, wann geputzt und das Essen aus der Küche geholt werden muss. Regeln und klare Strukturen sind im Jugendgefängnis das A und O. Für viele Häftlinge etwas ganz Neues. Und wenn eine Aufgabe erledigt ist, heißt es warten. Warten auf die nächste Beschäftigung, warten auf das Essen, warten auf die Freilassung. 12 Uhr. Die Häftlinge, die zur Schule gehen der in den Werkstätten arbeiten, rücken wieder ein, um ihr Mittagessen abzuholen. Jeder bringt seinen Teller aus der Zelle mit und Dennis verteilt das Essen. Heute gibt es Frikadellen, Kartoffeln mit Soße und Kohlrabi. Das Gemüse sieht Dennis später häufig wieder. Das Essen nimmt jeder in seiner Zelle zu sich. Allein. Allein sein ist etwas, was im Gefängnis eine neue Bedeutung bekommt Man ist zwar oft allein, doch hat man nie das Gefühl, für sich zu sein. Nachdem die Häftlinge wieder ihrer Tätigkeit nachgehen, bringt Dennis gemeinsam mit Murat, einem weiteren Hausarbeiter, die Reste des Mittagessens weg. Sie unterhalten sich über das Fußballspiel von gestern Abend. Sie verstehen sich gut, sind gute Bekannte. Davon hat man im Gefängnis schnell eine Menge, wahre Freundschaften entstehen hier selten. Den Nachmittag hat Dennis frei. Er verbringt die Zeit mit Fernsehen gucken und versucht, sich irgendwie nicht zu langweilen. Die Zeit totzuschlagen. Der Nachmittag ist zäh. Um15 Uhr begibt Dennis sich mit Murat und einem Justizvollzugsbeamten zur Küche,um die Abendkost zu holen. Eine halbe Stunde später treffen dann die anderen Häftlinge ein. Das Abendbrot – und das Frühstück gleich mit – werden verteilt. Um 17 Uhr beginnt das Highlight des Tages: die Beschäftigtenfreistunde. Jeder Gefangene hat das Recht auf eine Stunde Freigang am Tag. Dennis geht mit Murat und einem anderen Bekannten auf den Hof. Die Beine vertreten und frische Luft schnappen. Besonders viel kann man nicht machen, ein paar Körbe werfen oder sich einen Fußball zukicken. Trotzdem, nach einem ganzen Tag drinnenist diese Freistunde eine Abwechslung.

Sich gegenseitig besuchen

Ab 19.15 ist dann Aufschluss. Die Zellen werden geöffnet und die Häftlinge können sich gegenseitig besuchen, quatschen und den Abend zusammen verbringen. Man kann es Freizeit nennen. Doch im Gefängnis von Freizeit zu reden, klingt komisch. Dennis verbringt diese Stunde mit anderen Häftlingen, sie flachsen, reden über Themen, die Jungs so haben: Fußball, Mädchen, Ausgang, Verkürzung der Haft, Gespräch mit dem Therapeuten. Zur Normalität gehört nicht das Delikt, aber doch seine Konsequenzen. Um 20.50 Uhr ist die Freizeit vorbei, jeder wird in seine Zelle eingeschlossen. Dennis schaut fern. Seine Lieblingssendung läuft, dabei isst er sein Abendbrot. Er wird nicht lange wach bleiben. Morgen muss er früh aufstehen, der gleiche Tag erwartet ihn.


Der Täter ist auch Sohn und Freund

Projektleiterin Diefenthal Nicole Diefenthal - Projektleiterin Zeitung+Schule

Bewaffneter Raubüberfall, Mord, Totschlag, Vergewaltigung. Die Liste des Grauens ist lang in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg. Doch die Jugendlichen und jungen Männer, die ihre Haftstrafe verbüßen, sind bereits verurteilt. Jetzt brauchen sie eine Chance. Die Schülerredakteure haben sich bemüht, den Häftlingen unvoreingenommen zu begegnen. Die Jugendlichen haben die Häftlinge durch ihren Alltag begleitet. Sie berichten darüber auf dieser und der nächsten Zeitung-Schule-Seite. Stephan Schlebusch, Leiter der Sozialarbeit, hat uns während unserer Besuche deutlich gemacht, dass die Inhaftierten zwar zu einem Teil Täter sind, aber auch Söhne, Brüder, Freunde, Opfer, Schüler, Auszubildende – und eine Chance verdienen. Ob wir alle als Gesellschaft stark genug sind, diese Chance zu gewähren, und ob die Häftlinge draußen stark genug sind, ihre Chance zu nutzen? Die Geschichten gehen weiter. Ausgang offen.



 

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